Was mich an der ersten historisch-kritischen Edition des Lieutenant Gustl von Arthur Schnitzler begeistert, ist das Faksimile des Manuskripts. Der Leser kann dem schreibenden Schnitzler über die Schulter schauen. Bei der Vorstellung des neuen Buchs sagte die Lektorin des De-Gruyter-Verlags, die Edition sei ein "Zeichen für die Buchkultur im Zeitalter des Internets", und fügte heiter hinzu, wohl um ein Zeichen dafür zu setzen, ihr Verlag sei in keiner medialen Defensive erstarrt, der Lieutenant Gustl sei auch als eBook zu haben.

Solche "Zeichen für die Buchkultur im Zeitalter des Internets" gibt es auch im Taschenbuch. Ein Beispiel: Gregor Betz: Descartes’ "Meditationen". Ein systematischer Kommentar . Wenn ich mich recht erinnere, dann ging es Descartes im Jahre 1641 darum, die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Hier sollte man sichergehen, und ich glaube, es ist auch bekannt, dass Descartes, um ganz sicherzugehen, den Weg des Zweifels ging. Heute ist das eine Art Klischee-Methode: Man beginnt, seine Ansichten ausführlich zu schildern, indem man sie zuerst gründlich bezweifelt. Dann widerlegt man seinen Zweifel Schritt für Schritt, um am Ende mit seinen anfänglichen Ansichten ganz und gar im Recht zu sein.

Dass Descartes Gott beweisen wollte, war damals auch zeitbedingt. Gottes Hilfe hätte der gebraucht, der Gottes Nicht-Existenz hätte beweisen wollen. Gerade heute fühle ich mich in der Lage, es mit der Nicht-Existenz wieder einmal zu versuchen: Da ist ein Mann – Vorsicht, wahre Geschichte! – im Aufzug stecken geblieben. Er wurde gerettet und ging noch am selben Tag zur Kirche, umarmte aus Dankbarkeit einen 400 Kilo schweren Bildstock, der auf den Gläubigen fiel und ihn zerquetschte. Wer ist da im Glauben stark genug, um zu verkündigen, der Herr habe ihn eben aus Liebe zu sich gerufen?

Die "Meditationen" hießen in der lateinischen Erstausgabe laut Wikipedia: "Meditationes de prima philosophia, in qua Dei existentia et animae immortalitas demonstratur". Aber dennoch lautet eine deutsche Übersetzung nicht zu Unrecht: "Meditationen über die Grundlagen der Philosophie". Dass es Sache der Philosophie wird, Gott zu beweisen, könnte man so sehen, dass die Philosophie schon am Absprung ist. Eines Tages wird sie – selbstständig geworden – der Theologie ihre Dienste kündigen, und es wird eine Gedankenstrenge von der Art des Descartes sein, die sie auf die Idee bringt.

Das ist das wunderbare Zeichen für die Buchkultur im Zeitalter des Internets: Gregor Betz zeichnet die Meditationen nach und kommentiert sie aus heutiger Sicht. Die Anstrengung des Begriffs macht einem deutlich, wie schwer es die großen Geister der Neuzeit hatten, einen klaren, nicht vorgeschriebenen Gedanken zu fassen. Das ist heute auch nicht anders, man denke nur an Mythen der Ökonomie, aber heute kann ich zum Beispiel im Rückspiegel von Gregor Betz sehen: "Es ist nicht ausgeschlossen, dass alle meine Überzeugungen falsch sind."