Jetzt, da der Krieg vorbei ist, hat jeder in dieser Stadt das Bedürfnis, für Ordnung zu sorgen. Nasser Belhadj, den alle nur Scheich Nasser nennen und der den Koran auswendig kann, dirigiert seine Ordnung der Dinge vom Verwaltungstrakt der großen Moschee am Algerien-Platz aus. Die liegt im italienischen Viertel von Tripolis, ein wuchtiges Gebäude aus der Kolonialzeit, das ursprünglich eine christliche Kirche war.

Scheich Nasser, ein schlanker Mann Ende dreißig, der in Friedenszeiten Chef einer islamischen Stiftung war, trägt einen etwas zu weiten grauen Zweireiher, ein blaues Hemd und einen ungestutzten Bart. Als Frau sollte man gar nicht versuchen, ihm die Hand zu geben: Er berührt sie nur mit spitzen Fingern. Dafür bringt er alsbald seine Pistole zum Vorschein und steckt eine Rose in ihren Lauf, um klarzumachen, dass es ihm ernst damit sei, die "Schwerter nun zurück zur Hölle" zu schicken. Jetzt, nachdem die Revolution gesiegt hat. Was nicht zuletzt ihm zu verdanken sei.

Denn Scheich Nasser hat, so sagt er jedenfalls, höchstpersönlich den Tag des Generalangriffs zur Befreiung von Tripolis auf den 20. im Ramadanmonat August festgelegt, weil an diesem Datum im Jahr 630 einst auch Mekka befreit wurde. Vor allem jedoch habe er von seinem Versteck in der Stadt aus die Rebellen in Tripolis und die Kämpfer, die von außen kamen, koordiniert. Nachprüfen lässt sich das so wenig wie alles andere, was derzeit in Tripolis erzählt wird. Aber man möchte seine Worte nicht in seinem Beisein anzweifeln, nicht in diesem Büro in der Moschee, wo sich seit Kurzem sowohl das Hauptquartier eines Rebellenkommandos befindet als auch die Zentrale eines islamisch orientierten zivilen Netzwerks mit Namen Etilaf, das bereits Ableger in den meisten libyschen Städten hat, als eine Art lokale Regierung für jeden Ort. Sagt jedenfalls Scheich Nasser. Im Hof der Moschee lungern bewaffnete junge Männer in neuen Tarnanzügen, im ersten Stock sitzen die Generäle der Rebellen sowie eine Handvoll engagierter Ingenieure, Geschäftsleute, Anwälte und Ärzte. Unter einem riesigen Satellitenbild von Tripolis diskutieren sie unermüdlich, wie es nun weitergeht. Wir müssen, sagt Scheich Nasser, schleunigst etwas tun.

Schleunigst, denn die Lage in der Hauptstadt zur Stunde null ist chaotisch. Straßen sind zerstört, Wohnungen, Krankenhäuser. Es fehlt an Wasser, an Strom, an Telefon- und Internetverbindungen, den Krankenhäusern sind die Medikamente ausgegangen und den Banken die Geldscheine, weil die Leute schon vor Monaten ihr Erspartes abgehoben hatten. Es fehlt an Erfahrung mit der Politik, es fehlt, nachdem Gadhafi tot ist , an einem gemeinsamen Feindbild und einem gemeinsamen politischen Ziel, und es fehlt an einer Führungsfigur.

Im Überfluss vorhanden sind dafür Schnellfeuergewehre samt ihrer jungen, männlichen Besitzer, die wenig Neigung zeigen, ihre Waffen abzugeben. Noch sind sie bei bester Laune, veranstalten nachts weiterhin Freudenfeiern mit Gewehrsalven. Aber irgendwann ist auch die postrevolutionäre Party vorbei, irgendwann wird man sie entwaffnen oder in eine neue Polizei und Armee eingliedern müssen. Aber solch heikle Themen spricht noch keiner an. Bei der Siegesfeier für das neue Libyen , die nicht in Tripolis, sondern in der Protesthochburg Bengasi stattfand, versprach Mustafa Abdul Dschalil, der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrates, nicht das staatliche Gewaltmonopol, sondern die Wiedereinführung der Polygamie, der Scharia und des islamischen Bankensystems, was man durchaus als Kotau vor den Islamisten verstehen kann. Eigentlich hatte für den heutigen Tag der Übergangsrat seine Rückkehr von der Siegesfeier in Bengasi zum zähen Aufbaugeschäft in Tripolis angekündigt. Aber die Büros bleiben leer. Man streite in Bengasi um die Verteilung der Ministerposten, heißt es in Tripolis.

Und so kommt einem die Ordnung von Scheich Nasser zwar unheimlich, aber wenigstens greifbar vor. Nachts lassen seine Generäle mutmaßliche Gadhafi-Anhänger verhaften, tagsüber kümmern sich die Zivilisten von Etilaf um die Verteilung von Medikamenten und die Dienstpläne in den Krankenhäusern.