Auf halbem Weg zwischen Las Vegas und dem Death Valley liegt Pahrump. Auf die Existenz der 36.000-Einwohner-Stadt weist vor allem eine Phalanx von Kasino-Werbeschildern entlang der makellos asphaltierten Route 160 hin. Pahrumps Motto lautet Heart of the New Old West. Die Stadt ist bekannt für einen Radiosender, der paranormalen Ereignissen nachspürt, die beiden legalen Bordelle Chicken Ranch und Sheri’s Ranch, Michael Jacksons zeitweiligen Wohnsitz – und neuerdings für den zum prominentesten Bürger aufgerückten Ingenieur, Erfinder und Künstler Ronald Wayne. Seine präzise Wegbeschreibung instruiert Besucher aus Las Vegas, am Gentleman’s Castle, einem Massagesalon mit roten Türmchen, links in Richtung Nopah Mountains abzubiegen. Es folgt ein Friedhof für ausgebrannte und verwitterte Wohnmobile, dann Terrible’s Lakeside Casino und schließlich, schon ganz nah an der Wüste, das bescheidene Fertighaus des 77-Jährigen, der dafür berühmt ist, dass die Welt ihn – fast – vergessen hat.

Dabei war er einst Mitbegründer von Apple. Und seit Steve Jobs am 5. Oktober starb , interessiert sich die globale Öffentlichkeit plötzlich wieder für Ronald Wayne und sein vollgestelltes Wohnzimmer mit der dicken Auslegeware im Wüstenfarbton. Sie folgt ihm in sein kleines Büro, wo der dritte Gründer von Apple heute Briefmarken und Münzen verkauft.

Er hatte den Vertrag mit Steve Jobs und Steve Wozniak selbst aufgesetzt

In den 35 Jahren, seit Steve Jobs , Steve Wozniak und der um eine Generation ältere Wayne die erste Version des Unternehmens Apple ins Leben riefen, hat er zahllose Interviews gegeben und reichlich Gelegenheit gehabt, seine Rolle des neidlosen Verlierers in unumstößliche Sätze zu fassen. "Ich werde wohl als Fußnote in die Geschichte eingehen, als jemand, der jemanden gekannt hat", sagt Wayne, eine ausdrücklich altmodische Erscheinung in schwarzer Wollweste. Die Wahrheit ist noch ein wenig trauriger: Dass er nach nur zehn Tagen aus dem Vertrag, der ihm ein Zehntel der Firmenanteile zugestanden hätte, wieder ausstieg, war ein Irrtum von historischem Ausmaß. Statt den 15. Platz auf der Rangliste der reichsten Menschen dieser Welt zu besetzen, lebt Wayne nun hier in Pahrump. Als Absicherung für die Zukunft hat sich der lebenslang unverheiratete Bastler eine gestrandete Familie, eine Frau mit ihrem Sohn und ihrem Enkel, ins Haus geholt, die mit einer ausufernden Sammlung von Miniaturleuchttürmen und Memorabilien der Cartoonfigur Betty Boop einzogen. Noch kommt Wayne ohne die Hilfe seiner adoptierten Angehörigen zurecht – die er als "Juwele" bezeichnet – und ist rüstig genug, um Dieben unter den Philatelisten und Numismatikern mit seiner 38er-Kaliber-Polizeipistole zu drohen. An den Wänden hängen neben eigenen Gemälden von Abraham Lincoln und einer Schlachtszene zwischen Moskauern und Tataren antike Waffen. Eine Pendeluhr tickt unerbittlich.

"Ich hätte im Schatten von Genies gestanden", konstatiert Wayne zum hundertsten Mal, ohne den Schatten je entkommen zu sein, seit er sich Mitte der siebziger Jahre mit Jobs anfreundete und über ihn auch den brillanten Hardwaredesigner Steve Wozniak kennenlernte. Damals war Wayne Leiter der Verpackungsabteilung bei der jungen Videospiel-Firma Atari, für die Jobs als Berater arbeitete. Es war jedoch weder Waynes Berufserfahrung noch die erstaunliche Breite seiner Interessengebiete, die ihm schließlich den Respekt der jungen Erfinder einbrachte, sondern sein diplomatisches Talent: Jobs hatte den älteren Freund gebeten, Wozniak davon zu überzeugen, seine revolutionären Konzepte für Personal Computer exklusiv der geplanten Firma Apple zur Verfügung zu stellen und sie nicht mit anderen Elektronikunternehmen zu teilen. Wozniak zeigte sich einsichtig, und Wayne setzte daraufhin einen Vertrag auf, der den legendären zwei Steves jeweils 45 Prozent der Anteile und ihm den Rest einräumte. Doch als es um die Finanzierung der ersten Projekte ging, geriet Wayne in Panik: Vier Jahre zuvor war seine eigene Firma Siand pleitegegangen, er hatte gerade mühsam seine Schulden abbezahlt und lebte bei seiner Mutter, aber unter den drei Firmengründern war er der Einzige mit einem pfändbaren Bankkonto und einem Auto. "Zehn Tage nach Unterzeichnung des Vertrages ging ich zum Registergericht und ließ meinen Namen entfernen. Ich hatte keinen Zweifel am Erfolg von Apple, aber es wäre eine Achterbahnfahrt geworden, und ich war bereits vierzig", erklärt Wayne, der nun schon fast doppelt so alt ist und niemals "der reichste Mann auf dem Friedhof" sein wird, wie er 1976 fürchtete, als hätte ihn die Zusammenarbeit mit den beiden Steves unweigerlich bald ins Grab bringen müssen.

Denn Wayne war schließlich selbst Ingenieur und spürte seinen eigenen "Funken göttlichen Feuers". Er sah sich schon immer als eine anachronistische Figur in der Tradition eines Roebling oder Eiffel, von Ingenieuren des 19. Jahrhunderts also, "die zwar an der Spitze einer Pyramide von Designern und Technikern standen, aber auch die Arbeit eines jeden ihrer Untergebenen leisten konnten". Er liebt es, den Prozess von der Idee über den Prototyp bis zum fertigen Produkt in der Hand zu haben.

Bei Apple aber sah er sich von den Genies in ein Büro verbannt, wo er die kreativen Prozesse anderer bürokratisch bändigen sollte. Der Autodidakt, der sich immenses Wissen angeeignet hat, aber auch freimütig große Bildungslücken zugibt, zog es vor, seine eigenen Erfindungen voranzutreiben und beinah ein Dutzend Patente zu entwickeln. Zum Beispiel für ein Gerät, das zwei Meilen unter dem Meeresspiegel Kabel verbinden oder trennen kann. Oder für einen Apparat, der die Entfernung eines Flugzeugs vom Erdboden kurz vor der Landung exakt vermisst. Doch zur Umsetzung seiner Patente in ein profitables Produkt fehlte es ihm immer an den notwendigen finanziellen Mitteln. "Mindestens sechsmal in meinem Leben war ich davon überzeugt, dass ich die Welt am Schlafittchen gepackt hätte und ein Vermögen machen würde – es ist nie passiert", sagt Wayne ohne erkennbare Bitterkeit. "Ach", sagt er nur ruhig, als sich die vielversprechenden Sonderbriefmarken mit dem Zeppelin als private Nachdrucke herausstellen, "gut zu wissen."