Der Ruf der Schauspielerin ist gewaltig. Sie gebe sich ganz. Sie lasse sich auf alles ein. Sie liefere sich aus, heißt es. Sie kämpfe kompromisslos um ihre Rolle. Man denkt sie sich als Löwin. Birgit Minichmayr, 1977 bei Linz geboren, gilt als das größte Talent ihrer Generation, eine der aufregendsten Schauspielerinnen unserer Zeit. Sie ist keine Designerschönheit, aber sie zieht die Blicke an. Sie vereint elegante Formvollendung mit wilder Kratzbürstigkeit. Als Buhlschaft im Jedermann gab sie dem Salzburger Festspielpublikum nur ein Stückchen von dem, wonach es sich sehnt: Wollust, Körper, Erotik. Ihre Buhlschaft war eine moderne, selbstbewusste Frau. Trotzdem kitzelte ihr spottendes, herausforderndes Lachen. Sie ist die Frau, die Männer nicht nur ver-, sondern vorführt.

Im Weibsteufel, diesem zwischen Expressionismus und Volkstheater changierenden Stück Karl Schönherrs von 1914, das Martin Kušej für das Wiener Burgtheater inszenierte, setzt sich Birgit Minichmayr gegen Mann und Liebhaber durch. Die Frauen sind fasziniert und denken schaudernd, so stark würden sie auch gerne sein. Und die Männer bekommen Angst, in deren Fänge will man nicht geraten, und denken gleichzeitig, in diese Fänge möchte man unbedingt geraten. Und alle, Frauen wie Männer, haben das Gefühl, dass Birgit Minichmayr genau so ist, wie man sie auf der Bühne erlebt. Die Worte werden so sehr Fleisch, dass man meint, reinbeißen zu können.

»Die geilste Lulu aller Zeiten«, sagt der Regisseur Jan Bosse

Jetzt wird sie in München in Horváths Kasimir und Karoline auftreten, dem einzig wahren Oktoberfest-Stück. Es ist die zweite große Eröffnungspremiere am Residenztheater, seit Martin Kušej nach München wechselte und die Schauspielerin aus Wien mitbrachte. Die Spannung ist groß. Birgit Minichmayr als Karoline, das Wies’nluder mit Herz seit 80 Jahren, das will man sehen. Sollten wir also nicht zu unserem Gespräch auf die Wies’n gehen, zum Ort des Geschehens? Nein, will sie nicht. Also unterwegs Zigaretten und Schorle kaufen und sich auf eine halbwegs ruhige Bank auf einer Isarinsel setzen.

Man muss sie anschauen. Die roten Haare. Die orangeroten Fingernägel. Die Haut, von der man denkt, sie müsste heidiwangenrot wie ein Apfel sein, die aber so großstadtbleich ist. Die weißen Turnschuhe würden bei jeder Altkleidersammlung aussortiert. Sie ist nicht kapriziös, denkt man neben ihr. Die Geschichten von der Diva, die in den Proben die Sondererlaubnis hat, ihr Handy anzulassen, fallen sofort in sich zusammen. »Haben Sie in den Proben Ihr Handy an, Frau Minichmayr?« Verwunderter Blick. »Es kann schon sein, dass ich es mal an hatte, dass ich vergessen habe, es auszumachen. Aber eigentlich ist mein Handy während der Proben aus.«

Während der nächsten Stunden wird es nicht klingeln. Dafür sagt sie schnell das Wort »Impro-Pop-Theater«. Impro-Pop-Theater – das ist das, was sie nicht mag. Genauso schnell sagt sie: »Kušej, Pollesch, Bondy, Castorf«, auf die Frage, welche Regisseure sie besonders schätzt. Einer Richtung folgt das nicht: Kušej ist Kraft, Pollesch ist Trash, Bondy ist Klassizismus, und Castorf – ist Castorf.

Ob sie beim Spielen spürt, welche Wirkung sie hat? Jetzt ist sie zögerlich. Wirkung ist nicht das, was ihr beim Spielen durch den Kopf geht. Sie sagt dazu nur einen erstaunlichen Satz. »Es würde auch nichts ändern.« Birgit Minichmayr sitzt im Schneidersitz auf der Bank. Ich bin da, ich bin bereit, sagt die Haltung. Sie ist, was sie sagt, sagt das Gefühl. Es ist eine klare Energie, die in ihr steckt. »Energiearbeit ist unser Beruf«, sagt sie. »1300 Augenpaare schauen auf dich. Du bist ein Medium für Gedanken, die unter dem liegen, was du sagst. Das ist eine große Kraft.«

Was für eine Kraft? »Das ist sehr schwierig zu beantworten. Ich spiele mit der Energie zwischen mir, Partner und Publikum.« Vielleicht ist das die Essenz des Theaters. Schauspieler, Zuschauer, Mitspieler: eine Intimbeziehung. Vor ein paar Monaten kam es in Wien zum Theaterskandal der Saison. Minichmayr sollte die Lulu spielen, das war die ultimative Mischung. Lulu, mit ihrer naiven Sexualität, mit ihrer zerstörerischen Kraft. »Die geilste Lulu aller Zeiten«, sagt der Regisseur Jan Bosse noch heute. Aber nach drei Wochen Proben sagte sie im April die Rolle am Burgtheater ab. Nicht nur die Wiener Presse drehte durch.