Eine Stadt wie ein Ameisenhaufen. Laufen, fahren, hämmern, baggern, beladen, schleppen, aufräumen, umziehen, abreißen, aufbauen sind die Lieblingsübungen der Bewohner von Gaziantep. Ansichten des Aufschwungs liefern der bunte Basar mit den renovierten prächtigen Handelshöfen, die Neubaukästen der Innenstadt, die gigantische Shopping-Mall und die endlosen Industriegebiete am Rande der Stadt. Die 1,5-Millionen-Stadt zwischen Syrien und Seidenstraße ist eine der größten Erfolgsgeschichten der Türkei . Seit 2001 hat sich die Zahl der Fabriken verdreifacht. Gleich nach Istanbul sind hier die meisten Neugründungen geplant. Bewegung pur – das ist Gaziantep.

Die anatolische Tigerstadt steht für das ganze Land. Europa mag in der Krise stecken , Russland stagnieren, der Nahe Osten von Aufständen erschüttert werden. In aller Mitten blüht die Türkei. Die Wirtschaft des Landes hat im ersten Halbjahr 2011 einen Zuwachs von gut zehn Prozent erzielt, das ist globaler Rekord. Auch wenn das Wachstum sich abgeschwächt hat: Die Türkei scheint dem Krisengerede zu trotzen.

Doch wie sicher ist der Aufschwung?

Dieser Mann bietet eine Erklärung an: Taner Nakiboglu setzt sich ein Käppi auf und führt durch seine moderne Fabrik. Groß ist er, trägt ein weißes Hemd mit violetter Krawatte und ein stetes Lächeln im Gesicht. Nakiboglu grüßt die Arbeiter in alle Richtungen. Hunderte Maschinen spucken Kunststoffprodukte aller Art aus: Treibhausplanen, Bewässerungsschläuche oder Verpackungsmaterial.

Der 38-Jährige ist Spross einer der großen Familien von Gaziantep – Dynastien, die vor Jahrzehnten als Händler anfingen und heute Konzerne kontrollieren. Naksan, die Holding der Nakiboglus, produziert Teppiche im Großformat, Textilien, Garne, baut Kohle ab, produziert Strom, zieht Häuser hoch und betreibt eine Universität. Eine typisch türkische Kollektion. "Wir stellen das Geschäft gern auf mehrere Beine", sagt Taner Nakiboglu. Er betreibt schon ein Restaurant, spielt noch mit der Idee einer Gastronomiefakultät. "Gaziantep ist eine Stadt der Gourmets, in der man den besten Kebab der Türkei isst."

Taner Nakiboglu fing früh an, Geschäfte zu machen. Sein Vater schickte ihn mit sieben Jahren raus, um Granatapfelsaft und Kaugummis im Basar zu verkaufen. Später sagten die Altvorderen ihm: "Junge, du musst studieren!" Erst in der Türkei, dann ging er ins amerikanische San Diego für einen Master of Business Administration. Sein Vater gab ihm eine Warnung mit auf den Weg: "Wehe, du bringst eine amerikanische Braut mit, dann enterbe ich dich!" Nach dem Diplom fragten ihn die Eltern, was er von der Tochter von Onkel Ümit halte. Taner kannte sie nicht, trotzdem wurde umgehend das Hochzeitsfest angesetzt. "Jetzt sind wir schon zwölf Jahre verheiratet", sagt er. "Und ich bin sehr glücklich."

Wie kann aus Verhältnissen, die in der EU als rückständig gelten, so viel Zukunft hervorgehen? Eine Erklärung liegt im Stolz der Familie auf das, was sie produzieren und erreicht haben. "Mein Großvater begann mit einer Eisenwarenhandlung, mein Vater erbte den Laden im Alter von 15 Jahren." Die Firma wurde zu seinem Leben, er wurde zum Gründungsvater des Konzerns. Heute hat Naksan 4.000 Angestellte, verkauft Waren im Wert von 450 Millionen Euro und exportiert in 75 Länder. Obwohl Syrien so nah ist, geht knapp die Hälfte der Naksan-Ausfuhr in die EU, danach kommen Russland, Israel und Saudi-Arabien.

Türkische Geschichte: Gaziantep ist eine der alten Städte an der Seidenstraße, hier machten die Händler Rast, erwarben und verkauften, ließen die Pferde neu beschlagen, bevor sie weiter nach Syrien zogen. Nicht der trockene Boden, sondern die Lage war wertvoll. Zur Industriestadt wurde der Handelsort erst nach dem Zweiten Weltkrieg, in den achtziger Jahren begann man zu exportieren, in den Neunzigern gründete man eine Industriezone nach der anderen.

Die türkische Moderne: Gaziantep ist eine Modellstadt in der Steppe der "anatolischen Tiger", wo konservative, oft gläubige Türken mit Fleiß und Beharrlichkeit das Fundament für den Boom von heute legten. Gaziantep wuchs im vergangenen Jahr fast doppelt so schnell wie das ganze Land. "Früher produzierten wir in großen Mengen", sagt der Generalsekretär der Industriekammer Kürsat Göncü. "Dann erhöhten wir die Qualität, jetzt wollen wir Marken schaffen."