Es ist ein Ort, an dem Furchtbares geschehen sein soll – Häresie soll es gewesen sein, zumindest. Ketzer sollen hier die Eucharistie gefeiert haben, ohne für die Erteilung des Altarsakraments geweiht worden zu sein, wie es das katholische Kirchenrecht zwingend vorschreibt. Früher wäre man für dieses Delikt vor einem Inquisitionstribunal gelandet. Heute beschäftigt der Fall immerhin noch ein Diözesangericht in Innsbruck.

Der Ort des Frevels ist ein gemütliches Wohnzimmer in einer Wohnung in Absam. Hier zelebrieren die pensionierte Pädagogikdozentin Martha Heizer und ihr Mann Gert mit Freunden private Messen. Kein Priester ist anwesend. Das rüttelt an den Grundpfeilern des katholischen Glaubensgebäudes.

Die Wände in der alpinen Gottesstube sind holzvertäfelt, am Tisch flackert eine Kerze. In einer Ecke lehnt eine Gitarre neben dem Notenständer. Früher war Gert Heizer Religionslehrer an einem Gymnasium, so wie Ingrid Mayer, die ebenfalls am Tisch sitzt. Inzwischen sind auch die beiden in Pension.

An diesem Donnerstag müssen die Renegaten in der Gerichtskanzlei im bischöflichen Ordinariat zu Innsbruck antreten. Sie sind zu einer "Sachverhaltsdarstellung" vorgeladen. Das häretische Trio hat gar nicht vor, sein abtrünniges Treiben zu leugnen.

Der Aufruhr in Tirol könnte für die katholische Kirche in Österreich zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Die Zeichen stehen auf Sturm: Die Pfarrer-Initiative rund um Helmut Schüller ruft zum Ungehorsam gegen die Bischöfe auf. An diesem Wochenende treffen sich die rebellischen Priester zu einer Generalversammlung in Linz. Außerdem rückt eine Laieninitiative mit Reformbegehren den Bischöfen seit geraumer Zeit zu Leibe.

Und nun fordert eine pensionierte Pädagogikdozentin die Amtskirche heraus und stellt die Kirchenoberen vor ein Dilemma: Nach den Paragraphen des Kirchenrechts sind alle Mitglieder dieser Gruppe sofort zu bestrafen, im Extremfall mit der Exkommunikation.

Doch kann es sich die Kirche heute überhaupt noch leisten, gläubige Christen zu verlieren? Rund 90.000 Menschen traten allein 2010 in Österreich aus. Und nun sollen glaubensstarke Mitglieder aus dem Schoß der Kirche verbannt werden.

Seit über dreißig Jahren trifft sich das fromme Grüppchen aus dem österreichischen Herrgottswinkel, um gemeinsam zu beten. Zwei Mal im Monat, manchmal auch öfters, machen es sich diese Basiskatholiken auf der Sitzgarnitur bequem und lesen gemeinsam die Messe. Der Tisch ist mit Blumen, Kerzen und einem Kreuz geschmückt. Niemand leitet die Zeremonie, alle sind gleichberechtigt. Nicht immer wird dabei die Eucharistie begangen. Nur alle paar Monate sprechen sie die liturgischen Formeln für die Transsubstantiation, teilen Wein und Brot, das Ingrid Mayer selbst gebacken hat. Sie sind keine Lifestyle-Katholiken aus der liberalen Jazzmessenfraktion. Selbst nennen sie sich "erzkatholisch", progressiv und konservativ zugleich. Sie treten für das Ende der Diskriminierung Homosexueller und des Verhütungsverbotes ein sowie für die Zulassung von Frauen zur Priesterweihe. Martha Heizer saß sogar für die Grünen im örtlichen Gemeinderat, doch die liberale Haltung ihrer politischen Freunde brachte sie auf Distanz. Deshalb verließ sie die Ökopartei wieder. "Ich kann nichts unterstützen, das gegen das Leben ist", bekennt sie.