Ein neuer Superstar wird dieser Tage aus der Taufe gehoben. Er ist erst zwölf Jahre alt und heißt Nina Gartler. Nun stürmte die Schülerin aus Niederösterreich in der ORF-Castingshow Die große Chance sogar in das Finale am 11. November. Sie sang sich in die Herzen von Hunderttausenden – ganz so wie eine gewisse Christina Stürmer, damals vor knapp einem Jahrzehnt. Wie dieser Shootingstar der Starmania -Jahre vereint auch das zierliche Wunderkind (»Entdeckt wurde mein Talent beim 70. Geburtstag meiner Oma«) absolute Natürlichkeit mit ebenso großer Selbstsicherheit. Daneben schrumpften alle anderen Mitbewerber zu Schießbudenfiguren. Verglichen mit ihr wirkt das übrige Personal dieser Casting-Welt wie eine Mischung aus Kirmes und Karikatur.

Aber reicht das? Kann man aus diesem falschen Leben heraus ein richtiges führen? Sehen wir nach, wie es Christina Stürmer ergangen ist.

An diesem trüben Oktobertag kellnert der einstige Superstar in einem Fast-Food-Restaurant in Berlin, Stadtteil Charlottenburg. Sie sieht noch immer aus wie damals. Eine freche Göre, noch nicht ausgewachsen, noch ohne weibliche Formen, eben wie voll in der Pubertät. Sie trägt Turnschuhe und die Uniform dieser Fast-Food-Kette, nämlich des Hard Rock Cafe. Kokett geht sie von Tisch zu Tisch, nimmt Bestellungen auf, ist gut drauf. Also meistens. Wenn der Chef sie zusammenfaltet, weil sie irgendwas falsch gemacht hat, eher nicht. Der Typ ist doppelt so dick und fünf Jahre jünger als sie.

Keiner kennt sie, alle halten sie für die blöde Bedienung, die man herumscheuchen kann, wie man will. Niemand ahnt, dass die kleine Maus Millionen Tonträger verkauft hat. Und noch immer 50 bis 60 Konzerte pro Jahr gibt. Sie ist ein has been , ein Prominenter von gestern, in einer Welt der Vergangenheit lebend. Nämlich in der Rock-Welt. Dabei bringt sie die unterschiedlichen Zeitspannen durcheinander.

Das begann schon am Anfang ihrer Karriere, bei Starmania . Sie trat dort mit einem eigenen, kraftvollen Rock-Titel gegen eine Riege von Playback-Idioten an. Während alle anderen nur Rockstar spielten, war sie einer. Das begriff sie leider selbst nicht. Ein Bill Kaulitz von Tokio Hotel etwa, der sich auch einmal mit 15 in eine Castingshow verirrt hatte, merkte den Schwindel sofort. Ein Maskenball ohne Bedeutung.

Da schlüpfen dämliche junge Leute in die historischen Kostüme von Elvis, Elton John oder Tina Turner – und verwechseln sich selbst mit den meist toten Stars von einst. Eine Staffel später sind sie musikalisch noch toter als die nachgeäfften Leichname.

Ganz anders Christina Stürmer: Ihre Songs stürmten die Hitparaden. Gleich drei davon erreichten Platz eins. Ein paar Jahre ging es richtig gut. Sie wurde die Avril Lavigne für Arme. Ein rebellischer kleiner Girlie-Star mitten in den Bergen und Tälern Österreichs. Dann eroberte sie auch noch Deutschland und wurde dort der erste österreichische Popstar seit Falco.

Hätte sie doch nur ein bisschen Bewusstsein dabei entwickelt. Den Kollaps der Musikindustrie infolge des Internet-Siegeszuges kriegte sie nicht mit, sehr wohl aber ihr Manager, der von der Mitte des letzten Jahrzehnts an konsequent auf Tour-Vermarktung setzte. Heute tingelt die Hitparaden-Prinzessin von einst durch die Niederungen der Unterhaltungsindustrie. Damals war sie ein Star, heute wird die Marke Christina Stürmer ausgewrungen wie ein Schwamm. Mit ihr kann man abräumen. Früher predigte sie selbst, nun wird sie mit dem Klingelbeutel durch die Kirche gehetzt.

Und sie macht alles brav mit. Ihre Eltern waren anständige Leute aus Altenberg bei Linz, gut katholisch, fleißig, zuverlässig, pünktlich. So wie jetzt die Tochter. Rebellion war gestern, noch dazu außerhalb ihres Kopfes, quasi vom Bauch her. Heute gilt der tägliche »Ablaufplan«, den der Manager ihr vorlegt. Eine nie endende Zumutung. Penibel sind bis zu zehn Termine pro Tag aufgelistet, samt Briefing und Hintergrund-Info. Wie bei Rex Gildo, der zuletzt in Baumärkten und Teppichgeschäften auftrat, immer gut vorbereitet.