DIE ZEIT: Herr Gautschi, als Geschichtsdidaktiker vertreten Sie ein Fach, das aus dem Schulkanon gestrichen wird. Wie fühlt man sich da?

Peter Gautschi: Schlecht. Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert einen bewussten Umgang mit Geschichte. Immerhin ist es ja nicht so, dass es historisches Lernen in der Schule nicht mehr gibt, sondern dass Geschichte als eigenständiges Schulfach verschwindet.

ZEIT: Ihr Fach wird im Lehrplan 21, der 2014 in Kraft tritt, "Mensch und Umwelt" oder "Zeiten und Räume" heißen.

Gautschi: Es wird genau (blättert in den Unterlagen) "Räume, Zeiten, Gesellschaften" heißen. Ich muss auch immer wieder nachschauen; das sind Begriffe, die noch nicht eingeführt sind. Dieser Wechsel der Bezeichnung passt zu einer Entwicklung, die sich generell abzeichnet: Es ist nicht mehr die Fachwissenschaft Geschichte, die den Geschichtsunterricht prägt, sondern die Pädagogik, die die Fragestellungen der Jugendlichen und die gesellschaftlichen Schlüsselprobleme ins Zentrum rückt. Ursprünglich diente der Geschichtsunterricht der Traditionspflege und der Stärkung nationaler Identität. Es ging um Einstellungen. Heute geht es mehr um Kompetenzen. Früher stand die Bildung im Zentrum, heute ist es die Nützlichkeit. Es ging mehr um das Nacherzählen von großen historischen Deutungen, die wir als Narrationen bezeichnen, heute geht es mehr um die Dekonstruktion festgefügter Bilder und Mythen.

ZEIT: Ist diese Entwicklung richtig?

Gautschi: Die Entwicklungen weg von Geschichte sind in der Ausschließlichkeit, wie sie heute ablaufen, natürlich überhaupt nicht richtig. Ein Blick in andere Länder, wo dies auch passiert ist, macht aber Hoffnung: Dort ist das Pendel nach kurzer Zeit wieder umgeschlagen. Wenn man etwa sieht, wie in den Niederlanden und in England Geschichte zuerst aus der Schule verdrängt und dann dank dem Engagement vieler Menschen wieder an Stellenwert gewonnen hat, dann ist es ein Zeitphänomen. Wem es gelingt, das Ganze aus einer reflektierten Distanz zu betrachten, der kann es gelassener nehmen als diejenigen, die in diesem System drinstecken; dann ärgert es natürlich mehr.

ZEIT: Was passierte genau in den Niederlanden und in Großbritannien?

Gautschi: In den Niederlanden verlor Geschichtsunterricht auch an Bedeutung, bis plötzlich ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit ging: Unsere Kinder wissen ja nichts mehr über die niederländische Geschichte. Es setzte eine Entwicklung ein, die zu einem neuen Kanon von 50 geschichtlichen Phänomenen führte, welche jeder Niederländer, jede Niederländerin verstehen muss. Dies führte zu einer Wiederbelebung des Geschichtsunterrichts. Man erkannte dessen Bedeutung für die Gesellschaft. Und dasselbe geschieht jetzt auch in England. Das wird auch in der Schweiz passieren, wenn sich Wissenschaft, Politik und Praxis dafür einsetzen.

ZEIT: Warum ist es wichtig, dass man einem Volk seine eigene Geschichte auch als Narration vermittelt?

Gautschi: Die Schweiz wird ja gerne als Willensnation bezeichnet, und tatsächlich gibt es in der Gesellschaft ein Gefühl dieser Einheit, die man zum Beispiel mit Swissness bezeichnet. Diese Einheit ist nichts Naturgegebenes. Wir haben heute in der Schweiz eine Zerstückelung auf verschiedensten Ebenen. Allein in der Schule haben wir rund 30 verschiedene Lehrpläne. Wenn man diese Fragmentierung vor Augen hat, dann braucht es Institutionen, die dazu beitragen, dass so etwas wie eine Identität entsteht, auch ein gemeinsamer Wertehorizont, eine gemeinsame Grundlage, damit ein Staat, eine Demokratie überhaupt funktionieren kann. Auch dazu kann Geschichtsunterricht viel leisten.