Die Occupy-Bewegung hat kein Gesicht. Was die Welt kennt, ist die Maske des englischen Offiziers Guy Fawkes, der 1605 versuchte, seinen König zu töten. 25 Fässer Schwarzpulver sollten im britischen Parlament hochgehen, in der ersten Demokratie der Neuzeit. Über die heutige Bewegung hinter der Maske weiß man nicht allzu viel. Sie ist irgendwie gegen den Kapitalismus, die Banker und die Gier. Sie ist aber auch fertig mit Parteien, Parlamenten und Koalitionen, mit der Politik überhaupt. Wer sind ihre intellektuellen Gewährsleute, ihre Ikonen? Was sind die kanonischen Texte der Occupier?

Wer die Kisten unter den Plastikplanen öffnet, in denen die Besetzer im New Yorker Zucotti Park ihre »Volksbibliothek« untergebracht haben, stößt auf einen verstrubbelten alten Bekannten: Der Anarchismus ist wieder da. Er heißt jetzt Post-Anarchismus und hat seine frühere Fröhlichkeit gegen ein düsteres Murmeln eingetauscht. Der Feind ist im Post-Anarchismus nicht mehr irgendwo da draußen, und wenn man ihn beseitigt hat, bricht das Paradies an. Der Feind ist, so haben es die Studenten vom New Yorker Zucotti Park in ihren Foucault-Seminaren gelernt, mitten in uns. Wer eine politische Forderung stellt, hat schon Ja gesagt zum System. Wie passt eine so finstere Weltsicht zu einer jugendlichen Demokratiebewegung?

Ein Blick auf die Theorie-Gurus der Occupier gibt da Aufschluss. Zu Protest-Ruhm sind sie alle in der Bewegung für eine gerechtere Globalisierung gekommen, bei den Straßenschlachten zwischen Globalisierungskritikern und der Polizei am Rande der Welthandelskonferenz in Seattle 1999. Star des Post-Anarchismus ist der 50 Jahre alte Anthropologe David Graeber , der auch selbst die ersten Generalversammlungen im Zucotti Park mitorganisiert hat. Graebers Vater hat noch unter der schwarz-roten Flagge im Spanischen Bürgerkrieg mitgekämpft, seine Mutter organisierte eine Theatertruppe für Textilarbeiterinnen. Graeber ist Mitglied der Wobblies, der Industrial Workers of the World , einer anarchistischen Gewerkschaft. Fast zwei Jahre lang hat er in Betafo gelebt, einer Community auf Madagaskar, in einer Zeit, als der Staat dort »seine Zelte abbrach und das Weite suchte«. Die Leute hätten dann alles selber geregelt, durch »konsensuelle Entscheidungen«. Man hätte nicht einen Beamten angefleht, einen Brunnen zu bauen, sondern ihn halt selbst gegraben. Lost People hieß sein begeisterter Bericht. Demokratie ohne Regierung, direkte Aktion – das ist die Botschaft, die Graeber den Occupiern mitgebracht hat. Die Generalversammlung, die dort abgehalten wird, geht auf ihn zurück.

Madagaskar, das war von 1989 bis 1991, mitten im Fall des Eisernen Vorhangs. Ein ganzer Kontinent hat diese Jahre als die lang ersehnte Befreiung erlebt. Der Anarchist David Graeber nicht. »Das war vermutlich die deprimierendste Zeit für einen Revolutionär, die man sich vorstellen kann«, schreibt er in seinem Buch Direct Action . »Nicht wegen des Zusammenbruchs der stalinistischen Regime; die meisten Radikalen waren froh, sie los zu sein. Deprimierend war, was danach kam.« Er erwartete, dass dem Untergang des Stalinismus »menschlichere Formen des Marxismus« folgen würden. Stattdessen hätten die Völker Osteuropas »die Schock-Therapie der allerbrutalsten Form des unbeschränkten Kapitalismus« erfahren. Die Solidarność oder andere Befreiungsbewegungen in Osteuropa haben auf Graeber keinen Eindruck gemacht. Sie kommen bei ihm ebenso wenig vor wie die politischen Freiheiten nach 1989.

In der besseren Zukunft wird es keine Schulden mehr geben

Die Linke, stellt Graeber betrübt fest, habe den Utopismus aufgegeben; die Rechte hatte jetzt die Visionen. Deren Utopie war die unbeschränkte Herrschaft des Marktes, der Neoliberalismus. Das ist der Gedanke, der alle Vordenker der Occupy-Bewegung eint, darauf können sich auch Oskar Lafontaine, Hugo Chávez oder der italienische Autor Antonio Negri (der wegen seiner Verbindungen zum italienischen Linksterrorismus jahrelang die Nacht im Gefängnis verbringen musste) einigen: Neoliberalismus gleich Stalinismus. »Die Marktradikalen sagten den Armen der Welt, dass sie Hunger, Zerstörung, Tod und Vertreibung hinnehmen müssten, weil wissenschaftlich erwiesen sei, dass einzig der freie Markt ins Paradies und zum Wohlstand führen wird.« Die gute Zeit begann für Graeber erst wieder 1994, mit dem Aufstand der Zapatisten in Mexiko . Sie errichteten autonome Zonen und mobilisierten via Internet eine internationale Solidaritätskampagne. Das war der Auftakt zur Anti-Globalisierungs-Bewegung, das war die richtige Richtung.

Im Mai dieses Jahres, zur Finanzkrise, erschien Graebers anthropologische Studie über Schulden: Debt: The First 5.000 Years . Darin legt er dar, wie es zu dem »Mythos kommen konnte, man müsse seine Schulden zurückzahlen«. Was sich da eingefräst habe als moralischer Grundsatz, sei nichts als die Bemäntelung von Gewaltherrschaft. »Mafiosi verstehen das. Generäle von Besatzungsarmeen verstehen das. Tausende von Jahren haben sie ihren Opfern erzählt, sie schuldeten ihnen etwas. Und sei es nur, dass sie ihnen ihr Leben schulden, weil man sie nicht umgebracht hat.«

Der Erlass der Schulden der Dritten Welt ist da ebenso ein moralisches Gebot wie der Erlass der Schulden für Studentenkredite, die vielen Besetzern des »Liberty Plaza« (so nennen die Besetzer den Park) auch höchstpersönlich auf der Seele liegen. In der Wut auf die Banker ist vielen Occupiern nicht mehr so recht präsent, dass die amerikanischen »Multitudes«, wie die Massen bei Antonio Negri heißen, jahrelang weit über ihre Kreditkarten gelebt haben. In der besseren Zukunft, die David Graeber erkämpfen will, wird es keine Schulden mehr geben.

Naomi Klein , 41, kann es sich leisten, »Ich liebe euch!« quer über den Zucotti Park zu rufen. Seit dem goldenen Moment 1999, als das Erscheinen ihres Bestsellers No Logo! exakt mit den ersten Massenprotesten gegen das WTO-Treffen in Seattle zusammenfiel, ist sie die Ikone der Anti-Globalisierungs-Bewegung, die organische Intellektuelle. Sie muss alles auf CNN erklären. Gekleidet ist sie oft wie für eine Fuchsjagd: hohe Stiefel, weiße Bluse, langer schwarzer Frack. Ihre Botschaft ist eine Mischung aus Paranoia, Wut und Liebe. »Wir haben uns auf einen Kampf gegen die mächtigsten politischen und ökonomischen Kräfte auf diesem Planeten eingelassen. Das macht Angst. Und je stärker wir werden, desto größer wird die Angst werden. (...) Aber was ich hier sehe, ist schön. Ihr kümmert euch umeinander, ihr versorgt euch. Auf meinem Lieblingsplakat steht: ›I care about you‹ .« In einer Gesellschaft, in der die Leute dazu trainiert würden, zu sagen: »Lass sie doch sterben«, so Klein, sei das »eine sehr radikale Aussage«.

Auch Klein verehrt die Zapatisten und ihren Subcommandante Marcos. Politik, Parteien, all das hasst sie. Nie wurde das so deutlich wie in ihrem letzten Buch, Die Schock-Doktrin: Der Aufstieg des Desaster-Kapitalismus . Das Buch versucht, ein zentrales Problem des Antikapitalismus zu lösen, das schon Marx ratlos gemacht hat: Warum lässt die Revolution so lange auf sich warten? Wie kommt es, dass die Leute weltweit im Großen und Ganzen so einverstanden sind mit dem System (sogar 46 Prozent der Occupier sagen in einer Umfrage des New York Magazine , der Kapitalismus sei nicht eigentlich schlecht, er müsse nur besser reguliert werden). Marx behalf sich mit dem Konzept der Ideologie, des »notwendig falschen Bewusstseins«. Kleins Antwort: Der Brutal-Kapitalismus à la Milton Friedman schlage immer dann zu, wenn eine große Katastrophe die Leute eingeschüchtert hat: New Orleans nach dem Hurrikan Katrina, die Welt nach der Finanzkrise. Im Zustand von Shock and Awe seien die Leute bereit, jeden Sozialabbau hinzunehmen. Das Massaker auf dem Tiananmen-Platz, der Putsch des chilenischen Diktators Pinochet oder die Invasion im Irak waren in ihren Augen keine politischen Schlachten. Es war immer die Wirtschaft, Dummchen.

Klein kommt, wie Graeber, aus einer Familie jüdischer Kommunisten. Ihre Großeltern organisierten 1941 einen Streik der Disney-Zeichner, demonstrierten für aufgeflogene Sowjet-Spione. Für Naomi Klein waren die dreißiger und vierziger Jahre in Amerika, die Ära des New Deal, das letzte Mal, dass soziale Bewegungen stark genug waren, um radikale Wirtschaftsreformen durchzusetzen. Gewerkschaften waren unbezwingbar, Communitys organisierten sich. In den fünfziger Jahren kam die Säuberungswelle unter Senator McCarthy; Naomi Kleins Großeltern flohen nach Kanada. Ihre Eltern wurden Hippies, die Mutter eine feministische Filmemacherin, der Vater ein Kinderarzt im öffentlichen Gesundheitsdienst. Naomi fand ihr Thema, als Softdrinks und Computerfirmen anfingen, »an Colleges zu Göttern zu werden«. In ihrem Bestseller No Logo! beschreibt sie, wie Konzerne die Welt erobern.

Für Žižek sind die Einzelaktionen nicht radikal genug

Schwer zu sagen, ob Naomi Klein den Occupiern wirklich eine Chance gibt. »Was heute anders ist als 1999: Damals griffen wir den Kapitalismus auf der Höhe eines Booms an. Man sah überall Start-ups, keine Shut-downs«, sagte sie auf dem Liberty Plaza. »Heute kann jeder die Fakten sehen. (...) Dieses Mal müssen wir gewinnen.«

Es gibt Leute, die haben Angst vor »Occupy Everywhere«. Hat nicht kürzlich einer der Demonstranten einen Kunst-Kopf mit dem Konterfei des Goldman-Sachs-Chefs Lloyd Blankfein blutüberströmt auf einem Spieß aufgepflanzt ? Gab es nicht Schilder gegen jüdische Banker? Sind die Occupier nicht einfach das linke Pendant zur Tea Party , eine populistische Bewegung, die unsere Parlamente noch weiter schwächen wird?

Für den slowenischen Intellektuellen und Psychoanalytiker Slavoj Žižek , 62, der auch schon auf dem Platz zu begeisterten Massen gesprochen hat, sind solche Einzelaktionen längst noch nicht radikal genug. »Lasst euch nicht umarmen!«, hat er ihnen zugerufen. Die Bewegung solle sich nicht in sich selbst verlieben, in ihre Harmlosigkeit. Von welchem Schlage, will er wissen, »müssen die neuen Anführer sein? Welches System ist in der Lage, den Kapitalismus zu ersetzen? Und welche Organe, einschließlich jener der Kontrolle und Gewaltausübung, brauchen wir?«

Wahlurnen können es nicht sein. Das Wählen in demokratischen Staaten hat Žižek einmal mit dem Knopf im Fahrstuhl verglichen, der suggeriert, man könne das Schließen der Türen beschleunigen, der in Wahrheit aber gar nichts bewirkt. Der Philosoph hat nicht nur eine Schwäche für Stalin, auch über Hitler hat Žižek gelegentlich erklärt, er sei nicht »weit genug gegangen, nicht gewalttätig genug gewesen«. Der Nazismus hätte die wesentlichen Strukturen des Kapitalismus intakt gelassen; insofern sei Gandhi eigentlich gewalttätiger gewesen als Hitler. Die Führer, von denen er für die Occupy-Bewegung träumt, sollen entschieden, kühn und gnadenlos sein. Übrigens wohl auch unbedingt Kerle, mit echten cojones . Žižek gefällt sich im unkorrekten Sprechen über Frauen oder Schwule; auf der Liberty Plaza hat er sich das allerdings verkniffen.

In den akademischen Zirkeln, in denen Žižek sich bewegt, nimmt man ihm all das seltsamerweise nicht übel. Er verziert seinen kruden Autoritarismus mit lustigen Referenzen zu den Marx Brothers, Alfred Hitchcock oder Britney Spears. Aber wenn er fertig ist, wenden sich die Besetzer wieder dem Ernst des Demonstrantenlebens zu: Generalversammlung, Essen organisieren, Bündnisse knüpfen. Es stimmt zwar: Autoren, die Kapitalismuskritiker sind, ohne Post-Anarchisten zu sein – wie Joseph E. Stieglitz oder der Brite Colin Crouch –, kommen nicht zu Star-Ruhm bei den Studenten. Aber es könnte durchaus sein, dass die Occupier einfach durch ihre Praxis, durch das Verhandeln, Kümmern und Fordern zu der Politik zurückfinden, vor der ihre Vordenker sie immer gewarnt haben. Sie nehmen die basisdemokratische Emphase, das Hier und Jetzt, und verzichten vorerst auf den Leninismus. Manche tragen Nike.

Die Vordenker sind wichtig, sie regen Debatten an, koppeln die Occupier an die Widerstands-Geschichte an. Aber noch vermag niemand genau zu sagen, was die Schwarmintelligenz der Occupier aus den Stichworten ihrer Vordenker machen wird. Überraschungen sind möglich.