Es geschah vor einem Jahr. Frühmorgens auf dem Kickelhahn. Vor Sonnenaufgang war ich hinaufgestiegen, ich wollte allein sein in jener Holzhütte, in der Goethe nie gewesen war und in der sich dennoch davon träumen lässt, wie es in der alten Jagdhütte gewesen sein mochte, an deren Holzwand er sein berühmtestes Gedicht geschrieben hat. Die Sonne kam herauf – und ja, auch jetzt war über allen Gipfeln Ruh, in allen Wipfeln spürte ich kaum einen Hauch, die Vöglein schwiegen im Walde, und ich musste weinen. Weil der Augenblick so schön war. Dann weinte ich vor Trauer. Und dann vor Zorn.

Ebenfalls vor einem Jahr: In der Tiefebene herrschte Aufruhr. Ein Thesenritter zog durchs Land, der wusste, wie sich die politische Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzen lässt. In der Rechten führte er den Spieß der Eugenik, rief zum Kampf gegen demografische Windmühlen auf, mit der Linken malte er Schreckensszenarien an die bleiche Wand: Deutschland, Deutschland, überfremdet. Die Rüstungen prallten scheppernd aufeinander. Der Thesenritter wurde von seinem Ross heruntergeholt und an den Pranger gestellt. Eine Weile rumorte es noch im Volk, dann legten sich die Staubwolken, und gewissenhafte Wächter machten sich daran, den Sand auf dem verwüsteten Turnierplatz wieder glatt zu streichen.

Wie anders war die Ruhe, die ich dort oben auf dem Kickelhahn fand. In dem bescheidenen Hüttchen, durch dessen Fenster das Morgenlicht fiel und die Gedenktafel erleuchtete, auf der Goethes Gedicht samt Übersetzungen in alle möglichen Sprachen der Welt zu lesen war, spürte ich, wie unrecht beide Seiten in dem Kampf gehabt hatten, der im Flachland getobt hatte. Nicht Einwanderers Morgengebet ist schuld daran, dass keiner mehr Wanderers Nachtlied kennt. Das schwarze Loch, in dem es verschwunden ist, ist in der Mitte unserer Gesellschaft gewachsen. Das schwarze Loch lässt sich jedoch nicht mit der Empfehlung schließen, Einwanderers Morgengebet möge uns in derselben Weise das Herz berühren, wie es Wanderers Nachtlied über Generationen hinweg vermocht hat. Eine Kultur, die sich gegen fremde Einflüsse abzuschotten versucht, verkommt zum fauligen Binnengewässer. Eine Kultur bleibt aber auch nicht lebendig, indem sie das Eigene dem Vergessen anheimgibt und stattdessen alles, was neu hinzuströmt, unterschiedslos als »Bereicherung« preist.

Noch bevor die Bundesrepublik geboren war, ertönte die fatale Forderung, man solle einen »Schlussstrich« unter der Geschichte ziehen. Gemeint war: Lasst uns von den Verbrechen schweigen, die totalitäre Barbaren und ihre Mitläufer im Namen Deutschlands zwölf Jahre lang begangen haben. Die »Stunde null« wurde zur magischen Beschwörungsformel, als könne ein Volk mit einer zweitausendjährigen Geschichte seine Uhren einfach zurücksetzen, die Ärmel hochkrempeln und so tun, als sei das Material, aus dem man sich anschickte, das Neue zu bauen, etwas anderes als die Trümmer der eigenen Vergangenheit.

Kritische Zeitgenossen haben verhindert, dass die Leugner und Verdränger den Mantel des Schweigens über den deutschen Gräueltaten ausbreiten konnten. Unbeabsichtigt oder nicht haben sie jedoch dafür gesorgt, dass ein ganz anderer »Schlussstrich« gezogen wurde: der unter der gesamten deutschen Vergangenheit. Vom Deutschen sollte fürderhin nur noch gesprochen werden dürfen im Hinblick auf das mörderische Desaster, das dieses Land zu verantworten hatte. Der Pakt mit dem totalitären Teufel, den die Deutschen 1933 geschlossen hatten, erschien ihnen nicht als historisch einmaliger Irrweg, sondern als zwangsläufiger Kulminationspunkt all dessen, was in Deutschland jemals gefühlt, gedacht, getan worden war. Auch wenn sie nichts weniger im Sinn hatten, gingen in der Bundesrepublik die Mahner und die Verdränger eine unselige Allianz ein: Die einen wollten die deutsche Seele auf ewig in der Verdammnis sehen; die anderen bildeten sich ein, sie könnten ein blitzeblankes, gut funktionierendes, aber ansonsten unauffälliges Gemeinwesen ganz ohne Seele errichten. Die Herausforderung, sich der deutschen Seele in all ihrer Komplexität zu stellen, ihre lichten, schönen Seiten ebenso zu erkunden wie ihre dunklen, hässlichen, wurde entweder mit einem Bann belegt oder als überflüssiger Firlefanz abgetan.

Derselbe Fehler geschah bei der Wiedervereinigung. Reflexhaft wurden die alten Wege beschritten: Die einen warnten vor dem »Vierten Reich« – und einige Hundert ruchloser Jugendlicher, die ihre Befreiung vom sozialistischen Joch dazu missbrauchten, Asylbewerberheime anzuzünden, schienen ihre Sorge prompt zu bestätigen; die anderen redeten von »blühenden Landschaften« und wollten damit nicht mehr sagen, als dass demnächst auch vor Eisenach und Weimar die Shoppingcenter aus dem grünen Rasen sprießen würden. Vom tiefen, stillen Glück, Deutschland endlich wieder als einen gemeinsamen geistig-kulturellen Raum erforschen zu können, das Goethehaus in Frankfurt am Main ebenso besuchen zu können wie das Goethehäuschen auf dem Kickelhahn, ohne dazwischen eine brutale Mauer überwinden zu müssen – davon sprachen nur die wenigsten.

Der Furor, mit dem die Zeugen oder zumindest Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen das Deutsche in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit bekämpften, ist bei den späteren Generationen zur Maske erstarrt. Geblieben ist eine gähnende Geschichtsvergessenheit, die uns ebenso rat- wie hilflos macht, wann immer es darum geht, an unser Erbe doch noch zu erinnern. An Jubiläen und Gedenktagen herrscht ja kein Mangel. Aber der einzige Modus, in dem unsere Erlebnisgesellschaft diese noch abzufeiern vermag, ist die Hitparade, das Event.