Alles still im Äther. 6150 kHz. 12045 kHz. 15275 kHz. Man kann auf dem Weltempfänger herumdrehen, so viel man will, auf allen Frequenzen ist nur noch sphärisches Knistern zu hören. Keine Nachrichten. Keine politischen Analysen. Keine Kulturmagazine. Keine Musik. Kein Sport. Nichts mehr. Die Deutsche Welle beende »die Ausstrahlung eines linearen Radioprogramms zur Winterzeit 2011«, heißt es lapidar in einer Mitteilung des Funkhauses in Bonn. Devise: Merkt eh keiner da draußen, wenn das deutschsprachige Kurzwellenangebot verschwindet. Ist ja nur olles Radio, ein Medium von vorgestern.

Die Funkstille nach fast 60 Jahren Sendezeit dürfte die treuen Hörer rund um den Globus im wahrsten Sinne sprachlos hinterlassen. Es geht dabei nicht um ein paar ewig gestrige Deutsch-Südwester, die auf ihren Farmen in Namibia beim Wunschkonzert mit Heino schunkeln. Oder um die Missionsschwester in Papua-Neuguinea, die andächtig dem Sonntagsgottesdienst aus dem Dom zu Speyer lauscht. Oder um den ZEIT -Korrespondenten, der im kongolesischen Urwald begeistert einen Bundesliga-Livekommentar von Sabine Töpperwien aus dem Stadion seiner Dortmunder Borussen hört. Es geht auch nicht um das Deutsch sprechende Publikum in aller Welt, um junge Afrikaner zum Beispiel, die die Texte von Grönemeyer auswendig kennen und die Deutsche Welle als unabhängige Nachrichtenquelle schätzen, weil in ihren Ländern die Zensoren herrschen. Es geht um die allmähliche Selbstabschaffung der deutschen Sprache.

Rund 6.000 Sprachen werden heutzutage auf der Welt gesprochen. Wenn die Vorhersagen der Linguisten zutreffen, sind in hundert Jahren nur noch 200 bis 600 übrig. Deutsch werde zwar dazugehören, prophezeit der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, aber nicht mehr als Kultur- und Hochsprache, sondern als Vernakularsprache. Als Eingeborenenidiom also, das noch von ein paar Millionen Leitkulturdeutschen praktiziert wird. Das liege nicht nur an der demografischen Schrumpfung, sondern an der »kulturellen Mutlosigkeit« der Sprecher, an der »verschwundenen Liebe« zu ihrer Sprache, an der verzagten Schul- und Bildungspolitik. Und an der nahezu unbemerkten, aber folgenschweren Entscheidung, die nun auch der öffentlich-rechtliche Sender Deutsche Welle getroffen hat: German is out.

Was bieten die DW-Programmdirektoren der verstörten Hörerschaft stattdessen an? Eine neue »unternehmenspolitische Strategie«, die auf ein multimediales Onlineangebot setzt. Podcasts, Apps, Audio-on-Demand: radiophone Infoschnellkost, serviert in kleinen, bekömmlichen Internethäppchen. Noch rascher, noch oberflächlicher, noch banaler, und alles in Echtzeit. Man will im Rattenrennen in der schönen neuen digitalen Medienwelt schließlich nicht zurückfallen. Die deutsche Stimme ist in der wunderbaren Sprachenvielfalt des globalen Hörfunks verstummt. Ende der Durchsage.