Sagen wir, es ist kein leichtes Material, das sich Roland Emmerich vorgenommen hat, selbst für einen, der schon Gozilla gezähmt hat. Die Frage, wer William Shakespeare war, ob der Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford der Erfinder des größten literarischen Werkes aller Zeiten war, oder dies doch ein "Anonymus" tat, wie der Filmtitel suggeriert, ob ein Unbekannter diesen verrätselten Hamlet geschrieben hat, den grausamen Macbeth, den verzweifelnden Lear, diese 37 Dramen, in denen die englische Sprache neu erfunden wurde und womöglich ein neues Bild des Menschen, dann diese Sonette, Liebesbetörungen in vollendeter Form, oder die Frage ob der Autor vielleicht ein Edler namens Edward de Vere (1550 bis 1604) war, der 17. Earl of Oxford. Das ist großer Stoff. Viel Stoff.

Man muss von Edward erzählen. Ein Sonderling, hochbegabt, fähig zu Kapriolen bis zum Mord, übrigens verwaist, als Kind in einen puritanischen Haushalt abgeschoben, liiert mit seiner Königin, die 17 Jahre älter war als er, Elizabeth I, die eine der mächtigsten Regentin aller Zeiten war, der auch ein Verhältnis zu Edwards Ziehvater nachgesagt wird, aus dem womöglich ein Kind, selbstredend Edward, hervorgegangen ist. In Anonymus geht es also um Hurerei, Inzest, päderastische Neigungen, um Religionskriege, Volksaufstände, natürlich um Shakespeare, nicht zu vergessen, sein Theater, das Globe in London!


Ab und zu werden ein paar Zeilen Dichtung gehetzt eingestreut. Als habe man sich auf das Thema besonnen. Eine der hübschesten Szenen des Films erfindet sogar eine neue Gattung, sie kniet vor ihm, er sprudelt Verse, ein ekstatisches Sonett-Ejakulat, auch im Übrigen werden alle Register gezogen. Die Spanne der Bilder reicht von einer anfänglichen Taxijagd durch die Schluchten Manhattans – Blickwechsel zum Schwindeln, ein quietschendes Stopp und Halt wo, am Broadway natürlich, natürlich wird wieder irgendwas von oder über Shakespeare gegeben – bis zu jener Einstellung gegen Ende des Films, in der ein Sarg über einen vereisten Flusslauf geführt wird, die Prozession zieht in eine Schneewüste , deren Unendlichkeit sich entfaltet, während die Kamera sich in die Wolken verzieht und man aus dieser einsamen Sicht eine kleine Ansammlung von dunklen Häusern am Flusslauf sieht. Es ist das London des Jahres 1603, und Elizabeth ist tot, gestorben an einem 24. März, was eine Jahreszeit ist, in der man in England eher fallende Magnolienblüten kennt als Schnee. Es sei denn, man beherrscht die Computersimulation so wie Emmerich.

Es ist, als rufe Emmerich in Richtung Shakespeare: Da guckst du, von wegen, ein mageres hölzernes Rund reicht uns als Bühne, heute gibt es ganz großes Kino. Womöglich handelt es sich um einen schweren Fall von Konkurrenz. Die Besetzung ist hochkarätig: Vanessa Redgrave als alternde Elizabeth mit ihrer Tochter Joelly Richardson als Verkörperung ihres jugendlichen Selbst. Ein Rhys Ifans beherrscht den rätselhaften Blick des Earl of Oxford, Jamie Campell Bower ist eine ungestüme Verkörperung des jungen Edward. Es gibt Seitenstränge der Erzählung mit neuem Personal oder dem alten mit neuen Kontrahenten, nicht immer ganz leicht zu unterscheiden, wer nun wer ist, wäre das England Emmerichs nicht ständig so regenverhangen, das Elisabethanische Zeitalter nicht so überdüster, man würde sich im Kino gern ein paar Stammbäumchen zeichnen, wer hier von wem gezeugt und verführt, angestiftet oder im Stich gelassen wird.