Wer Anfang dieser Woche das Pech hatte, einen Pariser Flughafen zu passieren, wurde mit der Gelegenheit zu aufschlussreichen Beobachtungen entschädigt. Der Streik des Kabinenpersonals der Air France stürzte deutsche Reisende in Verwirrung, die schließlich in Empörung umschlug – die Franzosen hingegen nahmen die Unbill resignierend hin. Sie kennen das: Sobald Urlaubstermine anstehen – diesmal zu Allerheiligen –, nehmen Beschäftigte von Luftlinien, Flughäfen, aber auch von Bahngesellschaften oder Speditionen ihre Mitbürger als Geiseln. Es ist die gleiche Mentalität, wie sie die Gewerkschaften den Bankmanagern in Frankreich vorwerfen: mitnehmen, was die Lage hergibt, ganz gleichgültig, ob die Gesellschaft darunter leidet oder nicht.

Dieser Mangel an Bürgerbewusstsein trägt dazu bei, dass Reformen in Frankreich so schwerfallen. Ausgerechnet in dem Land, das im 18. Jahrhundert als erstes in der Geschichte die Anrede "Bürger" zum Ehrentitel machte, gilt in Gelddingen das Prinzip: "Jeder ist sich selbst der Nächste". Mag der Staat so klamm sein, wie er will, der allseitige Kampf für mehr Staatsknete lässt nicht nach. Mal kippen Landwirte Äpfel auf die Straße, dann wieder streikt das U-Bahn-Personal, oder Taxifahrer blockieren die Stadtautobahn.

Die Beteiligten scheinen zu glauben, sie könnten ungestört so weitermachen. Doch ihnen droht ein böses Erwachen. Denn möglicherweise bekommt es Frankreich bald schriftlich, dass seine Seriosität Schaden genommen hat, dann nämlich, wenn seine Staatsanleihen ihre Bestnote AAA verlieren sollten. Schon beeilen sich die Hauptkonkurrenten der Präsidentschaftswahl 2012, einander die Schuld zuzuschreiben. Für den sozialistischen Kandidaten François Hollande ist das drohende Verdikt ein Urteil über die Präsidentschaft Nicolas Sarkozys ; dessen Parteigänger versuchen wiederum, einen Sieg der Sozialisten als das eigentliche Risiko darzustellen, das die Rating-Agenturen bereits im Blick hätten.

In Wahrheit ist alles noch schlimmer. Es sind ja nicht bloß irgendwelche Juristen bei Moody’s und Standard & Poor’s, die, um sich gegen spätere Vor- würfe abzusichern, schon jetzt einmal warnen. Seit Längerem reagieren die Finanzmärkte darauf, dass Frankreich das schwächste und zusehends schwächer werdende Glied in der Kette nordeuropäischer Länder ist, die Euroland bisher zusammenhält. Sein Budgetdefizit beträgt 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Staatsschuld 86 Prozent, ihr fügen sich womöglich bald weitere Posten hinzu: Stützungsprogramme für die Großbanken, Zahlungen an die EZB im Fall einer griechischen Staatspleite sowie Geldflüsse an den europäischen Rettungsfonds EFSF .

Das Land bekommt seine Staatsschulden nicht in den Griff

Die Kosten der Kreditversicherungen für den Fall, dass Frankreich zum säumigen Zahler wird, haben sich in den vergangenen Wochen verdoppelt. Wer eine Forderung an den französischen Staat von 100 Millionen Euro über fünf Jahre gegen einen Ausfall versichern lassen will, muss dafür jetzt zwei Millionen Euro pro Jahr aufbringen. Mit dem Risiko steigen auch die Zinsen, die Frankreich zahlen muss; ihr Niveauunterschied zu den deutschen Zinsen hat sich binnen vier Monaten von 0,4 auf 1,2 Punkte erhöht.

Sollten die Agenturen dem Urteil des Marktes folgen, hat nicht nur Frankreichs Regierung ein Problem, sondern auch das frisch gegründete Großunternehmen EFSF. Dessen Zweck ist ja gerade die Kreditaufnahme zu AAA-Konditionen, was in sich zusammenfallen könnte, wenn mit Frankreich der zweitgrößte Garant im Fonds diese Latte reißen würde. So ging dann auch das Argument Sarkozys dafür, der EFSF Zugang zu Krediten der EZB zu erlauben: Diese Methode würde die Staatshaushalte nicht direkt belasten, infolgedessen würde Frankreichs AAA-Note stabilisiert und damit auch die der EFSF. Angela Merkels Antwort traf freilich den wunden Punkt: Das würde nur den Druck auf die Partner verringern, ihre Budgets in Ordnung zu bringen.