Sie meinte damit, ohne es auszusprechen, auch die Kasse ihres "lieben Nicolas". Der hatte zu seinem Amtsantritt 2007 einen "Bruch mit der Laxheit" versprochen, die ein Vierteljahrhundert lang die öffentlichen Ausgaben frei wuchern ließ. Ab sofort sollte nur für jeden zweiten Beamten, der in Rente ging, Ersatz eingestellt werden. Die Wirkung dieser Reform wurde freilich dadurch gedämpft, dass der Staat den Löwenanteil des gesparten Geldes als Prämien an die verbliebene Beamtenschaft ausbezahlte. Typisch Sarkozy: Um Widerstand gegen Reformen zu mildern, wählte er die Strategie der homöopathischen Verdünnung, bis nur mehr eine psychologische Wirkung übrig blieb.

Das Budget hätte indes nicht Seelenmassage, sondern chirurgische Eingriffe nötig gehabt. Das sogenannte "strukturelle Defizit", dasjenige also, das nicht als Kriseneffekt wegerklärt werden kann, ist von 3,7 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf 4,9 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Allzu forsch hatte der Staat Steuern gesenkt, seine Ausgaben indes nicht in den Griff bekommen.

Sie entsprechen 56,2 Prozent des BIP. Eine Hypertrophie, die dem öffentlichen Dienst selbst schadet. Es ist ja nicht so, dass Frankreichs Arbeits- und Sozialverwaltung, Schulen oder Krankenhäuser besonders leistungsfähig wären, auch wenn das Land, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, fast doppelt so viele Beamte beschäftigt wie Deutschland. Es kommt ein Blätterteig regionaler und lokaler Verwaltungsebenen hinzu, die viel Geld verschlingen – oftmals für protzige Gebäude und fürstliche Dotationen ihrer jeweiligen Präsidenten.

Namentlich in diesen Institutionen herrscht oft verblödender Leerlauf, wie ihn im vergangenen Jahr eine junge Beamtin in einem Buch beschrieben hatte, das zum Bestseller wurde; die Autorin musste daraufhin ihre Sachen packen, gleichwohl wagte die Verwaltung nicht, ihr in einem einzigen Punkt zu widersprechen. Die Beamtenherrlichkeit zieht die Bürger direkt in Mitleidenschaft: Wer in Paris umziehen will, beispielsweise, muss sich, wenn er Pech hat, für die benötigten Parkplätze Genehmigungen von bis zu vier Polizeistationen einholen, die weit über die Stadt verstreut liegen. Die Palme indes hat Frankreichs Post verdient, ein Staatsbetrieb, der mit Inkompetenz und Leistungsverweigerung den Alltag der Bürger würzt.

Nur ein Viertel der französischen Unternehmer glaubt, dass der Staat sie unterstütze; in den Ländern der G20 sind es durchschnittlich 76 Prozent. In Frankreich wird zwar immer viel von Industriepolitik gesprochen, wohl auch deshalb, weil der industriell produzierte Anteil des BIP in der vergangenen Dekade von 24 auf 18 Prozent gesunken ist, ein Verfallsprozess, der doppelt so schnell verläuft wie im europäischen Durchschnitt. In Wahrheit jedoch begünstigt der Staat vorrangig ein paar Großunternehmen, ob industriell oder nicht, wohingegen die kleinen und besonders die mittelgroßen Firmen unter einer in Europa fast einzigartigen Abgabenlast leiden.

Kürzlich schenkte die Bundeskanzlerin dem französischen Präsidenten einen Teddybären zur Geburt seiner Tochter. Da schaute das Wirtschaftsblatt Challenges genau hin: Es handelte sich nämlich um ein Exemplar der Marke Steiff. "Ein 1879 gegründetes Haus", schrieben die Kollegen, "und eine Zierde des deutschen Mittelstandes, das in die ganze Welt exportiert und, Höhepunkt des Luxus, gerade wieder einen Teil seiner Produktion nach Deutschland verlagert hat." Ein solcher Mittelstand ist in Frankreich nur in Ansätzen vorhanden, auch das trägt zur Schwäche seiner Wirtschaft bei.

Das alles steht in eigenartigem Kontrast zu der Tatsache, dass Frankreich ein bevorzugter Ort für Auslandsinvestitionen ist. Dem einwandernden Kapital winken Steuervergünstigungen, eine intakte Infrastruktur, niedrige Strompreise, qualifizierte Arbeitskräfte sowie die sogenannten weichen Standortfaktoren: die französische Hoch- und Alltagskultur und nicht zuletzt die Vielfältigkeit eines Landes, das nord- und südeuropäisch zugleich ist, alpin und maritim. Vorzüge, die im internationalen Vergleich zählen, doch für Wachstum aus eigener Kraft reichen sie nicht aus.

Gerade wurden die Wachstumsraten nach unten revidiert

Die Wirtschaft des Landes, stärker reguliert als die deutsche, hat die Krisenschläge seit Ende 2008 zwar mit geringeren Wachstumseinbußen eingesteckt, springt aber dafür umso langsamer wieder an und verliert im Durchschnitt. Es lässt sich auch nicht argumentieren, dass das eben die Kosten eines menschlicheren Sozialmodells seien. Der verriegelte Arbeitsmarkt führt dazu, dass mehr als zwei Drittel der Neueinstellungen nur befristet sind. Fast drei Millionen Franzosen sind arbeitslos, die Quote erreicht bald zehn Prozent. Acht Millionen Franzosen leben unter der Armutsgrenze, und an den Rändern der Städte wuchern die Ghettos.