Am Donnerstagabend tat Nicolas Sarkozy im Fernsehen die schlechte Nachricht kund, dass die dem Budget zugrunde liegende Schätzung des Wachstums für 2012 von 1,7 auf ein Prozent reduziert werden musste, was zusätzliche Einsparungen erzwinge. Damit nicht genug, droht überdies eine wachstumshemmende Kreditklemme. Die drei Bankengruppen BPCE, Société Générale und BNP Paribas hatten sich, anders als die meisten deutschen Kreditinstitute, nicht rechtzeitig aus den griechischen und italienischen Gefahrenzonen zurückgezogen; nun suchen sie fast neun Milliarden Euro frisches Kapital, womöglich aber schränken sie auch die Kreditvergabe weiter ein. Schon jetzt gilt Frankreich zusammen mit Italien als dasjenige Land, in dem Haushalte und Unternehmer es schwerer als anderswo haben, an Kredite zu kommen.

Das sind die Umstände, unter denen die Regierung, aller Konjunkturschwäche zum Trotz, neuerliche Anstrengungen unternehmen muss, weniger auszugeben und mehr einzunehmen. Allerdings ist nur die Rede von einer Milliarde weniger Ausgaben und acht Milliarden an höheren Steuereinnahmen. Das große Feilschen hat begonnen, und wie man die Assemblée nationale kennt, wird sie auf den Gesetzesvorhaben der Regierung herumlutschen, bis sie klein und leicht zu schlucken sind.

Unterdessen präsentiert die Regierungsmannschaft einen neuen Schlager: "Konvergenz". Gemeint ist damit die Angleichung der französischen und deutschen Wirtschaftspolitik. Weil Deutschland gut dasteht, klingt das in französischen Ohren nach Verbesserung. In seinem einstündigen Fernsehinterview vom Donnerstag spielte Sarkozy gleich sechsmal darauf an . Doch was soll Konvergenz heißen? Niemand verfällt auf den Gedanken, Deutschlands Wirtschafts-, Finanz-, Sozial- oder Steuerpolitik wolle sich der französischen annähern. Die Neigung Sarkozys wiederum, seinen Bürgern die Deutschen als Musterknaben hinzustellen, lässt ihn nicht sympathischer erscheinen, auch wenn die Franzosen wissen, dass ihre Staatsfinanzen in schwerster Unordnung sind.

Nur scheint ihnen das Gefühl der Dringlichkeit zu fehlen. Wer wollte es ihnen verdenken? Zu viel wurde in der Vergangenheit vom Loch in der Kasse und vom Sparzwang geredet, und dann war, manchmal nach Protesten, immer noch für jeden etwas drin.

Und so leistet sich das Land auch weiterhin den Luxus, gegen Veränderungen aller Art seine Immunkräfte aufzubieten. Am 11. Dezember beispielsweise wird die Bahngesellschaft SNCF ihre Fahrpläne ändern, denn es steht eine Erneuerung des Schienennetzes an. Da sind Engpässe unumgänglich. Um mit den Kunden zu reden und Härten zu erkennen, hatte die SNCF gut 5000 Bürgerversammlungen im ganzen Land durchgeführt, 40 Blogs eingerichtet, monatelang auf Fragen geantwortet und Pläne angepasst – allein es half nichts, einige Regionen weigern sich bereits, ihre Beiträge an die Bahn zu zahlen, anderswo organisierten Lokalpolitiker Demonstrationen, Bahnhofsbesetzungen und Schienenblockaden und kündigten an, das sei erst der Anfang. Das magische Wort des kommenden Winters steht damit fest, es lautet wieder einmal: Stillstand.