Bei den fehlerhaften Buchungen geht es nun im Kern um Derivate, also um abgewandelte Finanzprodukte, mit denen sich die FMS wie alle Banken gegen Zins- und Währungsrisiken absicherte. Sie tat das in alle Richtungen. Entscheidend ist: Wenn sich der Markt ungünstig entwickelt, muss die Bank Sicherheiten bilden, auf die ihr Partner in dem Derivategeschäft Ansprüche hat. Für die Bank sind diese Sicherheiten also Verbindlichkeiten. Zugleich aber hat sie aus anderen Derivategeschäften auch Forderungen. Die Bilanzregeln sehen vor, dass Forderungen und Verbindlichkeiten mit identischem Geschäftspartner gegeneinander aufgerechnet werden: Wenn Paul Peter 60 Euro schuldet, Peter Paul aber 40 Euro schuldet, dann schuldet Paul Peter effektiv nur 20 Euro. Am Ende der Saldierung – von Fachleuten "Netting" genannt – steht bei den meisten Banken im Derivategeschäft in der Regel eine Null.

Noch sind nicht alle Details geklärt, doch sicher ist: Die Saldierung unterblieb. Capco hat sie nicht vorgenommen, die Deutsche Pfandbriefbank ebenso wenig. Und so blähte sich die Bilanz der FMS auf, obwohl die Abwicklungsanstalt vorschriftsgemäß einen Teil ihres Portfolios abwickelte und das Zahlenwerk also eigentlich hätte schrumpfen sollen. Irgendwann fiel die Diskrepanz auf, und die FMS korrigierte das Zahlenwerk – mit dem bekannten Ergebnis. Wer den Fehler zuerst entdeckte und wer für ihn verantwortlich ist, darüber wird hinter den Kulissen erbittert gestritten, mit sich teils stark widersprechenden Versionen des Geschehens.

Im Umfeld der Pfandbriefbank heißt es, den Verantwortlichen bei der FMS sei bekannt gewesen, dass die Daten unsaldiert von der Pfandbriefbank an das Abwicklungsinstitut übermittelt worden waren. Es wäre die Aufgabe der FMS gewesen, die Saldierung zu vollziehen. Stattdessen habe das Institut aber sogar die Daten ohne "Netting" an den Bund kommuniziert, im Wissen, dass es Rohdaten gewesen seien. Im Umfeld der FMS wird diese Darstellung vehement bestritten. Weder habe man gewusst, dass man Rohdaten erhalten habe, noch sei es Aufgabe der FMS gewesen, das "Netting" zu vollziehen. Vielmehr hätte die Pfandbriefbank den Ausgleich der Positionen entweder selbst vornehmen oder den Dienstleister Capco entsprechend instruieren müssen. Beides sei unterblieben.

Unklar ist auch die Rolle der Finanzmarktstabilisierungsanstalt, deren Aufgabe es ist, die FMS zu überwachen. Der Chef der Anstalt, Christopher Pleister, sitzt zugleich im Aufsichtsrat dieser Schrottbank – und kontrolliert sich damit im Prinzip selbst. Offen ist darüber hinaus die Rolle der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC, die die Abschlussbilanz der FMS für das Geschäftsjahr 2010 sowie für das erste Halbjahr 2011 geprüft hat. Am Mittwoch dieser Woche bestellte Wolfgang Schäuble die Verantwortlichen von FMS, Pfandbriefbank, Finanzmarktstabilisierungsanstalt und PwC ins Ministerium .

Für die Bundesregierung kommt der Fehler zur Unzeit. Wachsende Summen müssen für die Rettung des Euro aufgewendet werden, da ist der Eindruck fatal, in Berlin könne man nicht mit Zahlen umgehen – zumal wenn es um einen Betrag geht, dessen Höhe bei etwa einem Viertel des jährlichen Bundeshaushalts liegt. "Was machen Sie jetzt mit 55 Milliarden, Herr Schäuble?", fragte Bild zu Wochenbeginn hämisch.

Es wäre ja schön für den Finanzminister. In Wahrheit ist Deutschland aber keinen Cent ärmer oder reicher geworden. Um das zu verstehen, muss man sich mit den Praktiken der Statistiker befassen. Wenn ein normales Unternehmen seine Bilanz veröffentlicht, führt es darin sowohl seine Schulden als auch sein Vermögen auf. Genauso hat es auch die FMS gehandhabt – und weil Forderungen und Verbindlichkeiten nicht aufsaldiert wurden, wuchsen sowohl die Schulden als auch das Vermögen. Die jetzt vorgenommenen Korrekturen führen dazu, dass beide Positionen wieder schrumpfen.

Für Staaten aber gelten eigene Regeln. Sie geben nur ihre Schulden bekannt, nicht aber die Vermögenswerte, die diesen Schulden entgegenstehen. Das hat vor allem praktische Gründe: Es ist wesentlich leichter, die Verbindlichkeiten eines Staates zu bestimmen als alle seine Forderungen.