DIE ZEIT: Frau Weber, warum fällt es uns so schwer, unsere schlechten ökologischen Gewohnheiten zu verändern?

Elke Weber: Eine Gewohnheit ist ein Anpassungsmechanismus. Er hilft, die geringe Menge an Aufmerksamkeit, die wir haben, aufs Beste zu verwenden. Wenn etwa unsere Essgewohnheiten oder die Gewohnheiten unseres Energiekonsums funktionieren und Gewinn bringen, wiederholen wir sie und sind uns bald der automatischen Auslösung dieser Handlungen nicht mehr bewusst. Eine notwendige Veränderung – etwa weil sich unser Blutzucker erhöht oder das Klima sich verändert – ist dann anstrengend und benötigt bewusste Aufmerksamkeit. Und wenn diese schon durch anderes beansprucht ist, etwa Sorgen über die Wirtschaftskrise, tendieren wir dazu, weiter entfernte Symptome erst einmal zu ignorieren oder anzuzweifeln.

ZEIT: Bei der Falling Walls- Konferenz in Berlin diese Woche sollen Sie erklären, wie man diese Trägheit gegenüber Veränderungen überwindet. Was schlagen Sie vor?

Weber: Wir wissen heute, dass Entscheidungen nicht bloß das Ergebnis einer nüchternen Analyse unserer Präferenzen sind, sondern dass sie häufig kurzfristig "konstruiert" werden und dass dieser Prozess beeinflussbar ist. Daher kommt es stark auf den Entscheidungsrahmen an.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Weber: Wenn wir uns selbst nach Argumenten für verschiedene Handlungsmöglichkeiten befragen, gehen wir diese zwar eine nach der anderen durch; doch bevorzugen wir unwillkürlich stets die erste Option. Bei dem inneren Plädoyer für die erste Wahlmöglichkeit unterdrücken wir automatisch jene Gründe, die für andere Optionen sprechen, weil sie mit der ersten Option in Konflikt gerieten. Dieser Mechanismus führt dazu, dass die unterdrückten Argumente später mehr Schwierigkeiten haben, wieder an die Oberfläche zu kommen, wenn "ihre" Frage "dran ist".

ZEIT: Und welche Option wird gewöhnlich zuerst in Betracht gezogen?

Weber: Der Status quo. Fast automatisch suchen wir zunächst nach Argumenten für das, was wir augenblicklich und schon länger tun. Aus evolutionärer Sicht macht das Sinn. Hat man etwas über längere Zeit getan, heißt das meistens, dass es zu guten Resultaten führte und nicht gefährlich war. Daher halten wir am Status quo fest.

ZEIT: Wie lässt sich dieser Reflex verhindern?

Weber: Natürlich kann man versuchen, seine innere Trägheit durch Willenskraft zu überwinden. Aber das ist schwer, und nicht jeder hat genügend Willenskraft. Häufig muss man sich selbst überlisten – ähnlich wie Odysseus, der sich an den Mast binden ließ, um dem Gesang der Sirenen lauschen zu können, ohne ihnen zu verfallen. Man muss sich von vornherein jene Handlungsmöglichkeiten verbauen, von denen man weiß, dass sie gefährlich, aber unwiderstehlich sind.

ZEIT: Wie der Langschläfer, der den Wecker abends so weit außer Reichweite stellt, dass er morgens aufstehen muss?

Weber: Genau.