Mathematik und Kunst – das hat man doch schon gesehen! Man denke an die Bilder von verschnörkelten Fraktalmustern , die in den achtziger Jahren Furore machten. An die geometrischen Mosaiken in der Alhambra von Granada , in denen alle 17 möglichen regelmäßigen Kachelungen der Ebene vorkommen. Mathematische Formeln können Bilder erzeugen, die wir als schön empfinden . Man kann diese auch ins Museum hängen, aber sie sagen nur wenig aus über die Mathematik, die dahintersteckt, und über jene, die sie erzeugt haben.

»Ich wollte keine Ausstellung über Mathematik und Kunst machen«, sagt Hervé Chandès, Direktor der Fondation Cartier und Chefkurator der Ausstellung Mathématiques – un dépaysement soudain (sinngemäß: »Mathematik – ein überraschendes Anderswo«). »Das haben andere schon oft genug gemacht.«

Chandès war nicht so sehr an den Produkten interessiert, sondern an den Produzenten. Zusammen mit einem guten Freund, dem etwas abgedrehten Astrophysiker Michel Cassé, und dem angesehenen Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon nahm er vor drei Jahren Kontakt zu dieser ihm völlig fremden Spezies auf, holte namhafte Künstler dazu – und hoffte, dass dabei etwas Präsentables herauskommen würde.

Lange Zeit sah es nicht danach aus. Es wurde geredet, geredet, geredet. Zu zweit, dritt und viert, in Paris, New York und Los Angeles. »Ich dachte, die reden ja eine ganze Menge, aber die tun nicht viel«, beschreibt der Mathematiker Cédric Villani , der im vergangenen Jahr die Fields-Medaille bekam, seinen ersten Eindruck. »Erst als David Lynch zu dem Projekt stieß, bekam die Sache richtig Schwung.« Wohlgemerkt: Das war erst im Juni dieses Jahres, drei Monate vor der Eröffnung. Lynch schickte ein paar Computersimulationen, wie er sich die Szenografie vorstellte, und endlich formte sich eine Vorstellung, wie die Sache aussehen könnte.

Wie sie tatsächlich geworden ist? Es fällt leichter, zu beschreiben, was die Cartier-Ausstellung nicht ist, als was sie ist. Keine Schau schöner mathematischer Bilder, auch keine Volkshochschule. Die Künstler nähern sich den Mathematikern wie Ethnologen einem Volk neu entdeckter Eingeborener: Sie versuchen gar nicht erst, sich einweihen zu lassen in deren Geheimnisse, sondern saugen nur Eindrücke auf und spiegeln diese mit ihren Mitteln wider. Das führt in manchen Momenten zu sehr erhellenden Erfahrungen – und ist in anderen unendlich banal.

David Lynch ist ein gutes Beispiel für dieses Vorgehen. Der amerikanische Künstler, bekannt geworden als Regisseur von Filmen wie Blue Velvet und Wild at Heart , gibt fröhlich zu, dass er sich nicht die Bohne für das interessiert, was Mathematiker so treiben. »Es war interessant für mich, zu sehen, wie engagiert sie waren, wie offen und wie kindlich. Sie haben mehr Spaß am Leben als die meisten anderen Menschen.« Lynchs künstlerische Leistung besteht darin, der Ausstellung mit einer Architektur aus weißen, runden Formen einen Rahmen zu geben. Auf einem Bildschirm flackern von Lynch wackelig abgefilmte Textfetzen aus einer Bibliothek auf, die der Mathematiker Mischa Gromow zusammengestellt hat. Lesbar sind die Texte kaum, zumal die Luft wummert von elektronischen Klängen, die ebenfalls von Lynch stammen. Aber hier soll ja auch niemand lesen und verstehen, die Zitate werden zu mystischen Mantras, die den Raum erfüllen.