Seit einundzwanzig Jahren existiert die DDR nicht mehr. Seit knapp hundert Jahren gibt es kein Deutsches Kaiserreich mehr. Seit gut fünfzehnhundert Jahren kein Römisches Reich. Wieso, fragt man sich da, kann man vom untergegangenen kommunistischen deutschen Teilstaat so distanziert schreiben, als sei er schon vor Christi Geburt gescheitert? Alle Welt ruft die sinnlich-konkreten, die prallen und beredten Szenen des privaten Lebens in der DDR vor Augen, um einen failed state im Nachhinein erkennbar zu machen, nur Julia Franck, ausgewiesen im genauen Erinnern durch ihren Ausreiseroman Lagerfeuer , gelingt das Kunststück, Stück für Stück die jüngere Geschichte in mythische Vorzeit zu entrücken. Und zwar mit den genuinen literarischen Mitteln des Kitsches, des süßen wie vor allem des sauren, mit Klischees, fetten übertreibenden Ausmalungen, mit bildlichem und inhaltlichem Extremismus, mit einer Dramaturgie des Grauens, in der Narration, aber auch im Effekt auf den Leser.

Das musste nun so hart gesagt sein, um klarzumachen, was hier im Roman Rücken an Rücken schiefgegangen ist. Dabei haben in diesem Herbst beispielsweise Angelika Klüssendorf mit Das Mädchen und Eugen Ruge mit In Zeiten des abnehmenden Lichts wieder gezeigt, dass rund zwanzig Jahre nach einer historischen Zäsur die Zeit reif ist fürs konzentrierte Erzählen, sei es aus der Nahaufnahme des Betroffenen, sei es in souveräner Zusammenschau von persönlicher Erfahrung und politischer Situation. Es geht. Und es geht gut mit dem Erzählen der DDR. Endlich.

Aber warum scheitert gerade die Autorin der Mittagsfrau nachgerade spektakulär daran? Sie hat doch ähnlich wie Eugen Ruge einige prominente Verwandte aus der dunkel schillernden Ost-Kunstszene vor Augen; sie verfügt über das erzählerische Spiel von Nähe und Distanz, kann aus unterschiedlichen Perspektiven ein und denselben Zusammenhang erhellen. Was also ist schiefgelaufen?

Julia Franck erzählt die Geschichte der Geschwister Ella und Thomas, die in den fünfziger Jahren in Rahnsdorf am Müggelsee aufwachsen und am Anfang des Romans zehn, elf, am Ende achtzehn, neunzehn Jahre alt sind. Ihre Mutter Käthe ist Kommunistin, Bildhauerin, ein Kerl von einer Frau, gefühllos wie der Stein, den sie mit großem Meißel behaut. Diese Fühllosigkeit wird erst mal mit großem Pomp inszeniert. Die Kinder ruinieren sich die Körper und bekommen trotzdem kein Gran Aufmerksamkeit. Dafür erfährt der bald schon entgeisterte Leser in einer stenografischen Bestandsaufnahme des Grauens: dass ihr leiblicher Vater im Krieg gestorben ist. Dass die jüdische Mutter nach dem Krieg einen Spanienkämpfer und Kommunisten zu sich geholt hat, mit dem sie psychopathische Zwillinge gezeugt hat, die in Heimen und bei Pflegeeltern leben. Dass dieser kommunistische Kämpfer namens Eduard einst im KZ gerettet wurde, als er, noch eben lebend, unter einem Leichenberg hervorgegraben wurde. Dass er sich an der kleinen Ella vergeht, immer wieder, sie über Jahre missbraucht. Dass er, als er die Familie verlässt, einen Freund vorbeischickt, als Untermieter, der den Missbrauch des Kindes geradezu munter weiter betreibt.

Hier muss man schon einmal innehalten, um festzustellen, dass in solcher knochentrockenen erzählerischen Abbreviatur der inszenierte personale Zusammenhang zwischen KZ-Opfer und Kinderschänder schmerzhaft ist. Schändlich geradezu, um es im moralisierenden Ton zu sagen. Dieser literarische Schachzug zur Erzeugung historischer Bedeutung und Bedeutsamkeit ist selbst ein Missbrauch von Geschichte und Erinnerungskultur. Derart unlauter hat sich der Wille zur gehobenen Unterhaltung selten offenbart.

Doch es geht weiter, und wir kommen dem strukturellen Problem der Erzählung näher: Der Missbrauchsfortsetzer, der Untermieter, entpuppt sich als übler Stasi-Scherge, ja als Systemverkörperung. Er ist seitenweise sexuell aktiv, mit stinkendem Alkoholatem, gelben Zähnen, gichtigen Fingern, morbide, hässlich, drohend, dumpf, gewaltsam, wobei die gehäuft kitschigen sprachlichen Denunziationsmittel weit übler aufstoßen als diese lächerliche Hülle eines üblen Agenten des Systems: Hier, will das sagen, vergewaltigt die Stasi noch selbst, so anmutig wie eine mythisierte Geisterbahnfigur.