DIE ZEIT: In Ihrem Buch Die Deutschen und ihre Mythen schreiben Sie, dass es vier Kanzler der Bundesrepublik gegeben habe, die zum Mythos wurden: Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Können eigentlich auch Ostdeutsche zu Helden werden?

Herfried Münkler: Reden wir nur über Ostdeutsche oder auch über DDR-Bürger?

ZEIT: Über beide.

Münkler: Ein Mann wie Walter Ulbricht wurde durch Auftritte und Zitate ein negativer Mythos, vielleicht sogar eine Art lächerlicher Held. Durch seine hohe Stimme und den sächsischen Dialekt hat er sich immer auch auf der Ebene einer Karikatur bewegt. Aber warum sollen andere Ostdeutsche nicht zu positiven Helden werden? Wir müssen abwarten, wie die Euro-Krise ausgeht. Vielleicht ist Angela Merkel schon bald ein Mythos.

ZEIT: Sie beklagen, dass Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarn oder den USA eine weithin mythenfreie Zone sei: kein Sturm auf die Bastille, keine Unabhängigkeitserklärung.

Münkler: 1945 ist den Deutschen ein Großteil ihrer politischen Mythen aus gutem Grund abhandengekommen. Seitdem sind wir ein mythenarmes Land. Zumindest im Westen war das gewollt, dort hat man sich nach Kriegsende erst mal in mythenpolitische Quarantäne begeben. Die Gründung der Bundesrepublik basierte zu großen Teilen allein auf dem Versprechen einer stabilen Währung – der guten alten D-Mark, die dann selbst zum Mythos wurde. Heute reicht das nicht mehr aus: In der jetzigen Krise Europas merken wir, welche Kraft von großen Erzählungen gerade in schwierigen Zeiten ausgehen könnte. Europa ist eine Rechengröße geblieben.

ZEIT: Aber wir hatten doch eine friedliche und die ganze Welt verändernde Revolution! Warum ist der Herbst 1989 nicht zu einem neuen Gründungsmythos geworden?

Münkler: Weil wir die wirkmächtigen Bilder der Menschen auf der Straße nicht als Mythos, als deutsche Gründungserzählung, angenommen haben. Helmut Kohl hat diese Möglichkeit aus Angst verschenkt. Die Kraft und Faszination des 9. November besteht in seiner Mehrfachbedeutung. Auf diesen Tag fielen die Ausrufung der Republik 1918 in Berlin, der Hitler-Putsch, die "Reichskristallnacht" und eben auch der Mauerfall . Wer sich auf diesen Tag einlässt, muss diese Zwei- und Vieldeutigkeiten in Kauf nehmen und die Kraft haben, mit den Ambivalenzen umzugehen, aber das heißt auch: Immer wieder muss man sich vergegenwärtigen, was dieses Datum für die Deutschen bedeutet.