DIE ZEIT: Nehmen Sie Glückwünsche an?

Klaus Hurrelmann:: Gern. Wozu?

ZEIT: Vor genau zwanzig Jahren haben Sie in einem ZEIT-Artikel für die deutschen Schulen das sogenannte Zwei-Wege-Modell gefordert: Neben dem Gymnasium soll nur noch eine Schulform existieren, über die gute Schüler ebenfalls das Abitur erlangen können. Nun wird der Weg für dieses Modell bundesweit frei. Kommende Woche wird die CDU auf ihrem Parteitag wohl den Abschied von der Hauptschule beschließen – und damit vom dreigliedrigen Schulsystem. Auf der anderen Seite hat die SPD ihre Gesamtschulpläne ad acta gelegt und ihren Frieden mit dem Gymnasium geschlossen.

Hurrelmann:: Ich freue mich sehr, dass sich in der Frage der Schulstruktur die Vernunft durchgesetzt hat und die ideologischen Kämpfe vorbei sind. Aber wir sind noch weit von dem von mir geforderten Zwei-Wege-Modell entfernt.

ZEIT: Schaut man sich in den 16 Bundesländern die Namen der Schulen neben dem Gymnasium an, dann sieht es derzeit eher nach einem 100-Wege-Modell aus. In Hamburg heißen sie Stadtteilschulen, in Bremen Oberschulen, in Sachsen Mittelschulen. Einige führen bis zum Abitur, andere nicht. Zusätzlich gibt es hier und da noch Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen.

Hurrelmann:: Die meisten Bundesländer gründen immer mehr neue Schulformen neben dem Gymnasium und haben nicht den Mut, die alten einzustellen. Das macht den Eltern eine klare Orientierung unmöglich. Zudem widerspricht das Durcheinander dem Grundgesetz, das gleichwertige Lebensverhältnisse fürs ganze Bundesgebiet festschreibt. Ich fordere deshalb einen Staatsvertrag der Bundesländer mit der Festlegung einer verbindlichen Schulstruktur.

ZEIT: Widerspricht das nicht der Kulturhoheit der Länder?

Hurrelmann:: Nein. In den 1960er Jahren wurde so im ganzen Bundesgebiet die Hauptschule neu eingeführt. Heute brauchen wir wieder eine solche Vereinbarung, diesmal für nur noch eine Schulform neben dem Gymnasium, die in allen 16 Bundesländern den identischen Namen haben muss. Wie die Länder die gemeinsame Schulstruktur dann ausfüllen, bleibt ihre Sache. Gerade wer den Bildungsföderalismus verteidigen will, der muss das heutige Durcheinander jetzt schnellstens beseitigen. Sonst wird der Ruf nach zentralstaatlichen Lösungen immer lauter.

ZEIT: Vor zwanzig Jahren haben Sie geschrieben, dass das Gymnasium an seine Grenzen käme, wenn es immer mehr Schüler aufnehmen müsste, weil es keine attraktive Alternative zu ihm gibt. Inzwischen gehen 40, in einigen Städten 50 bis 60 Prozent eines Altersjahrgangs aufs Gymnasium. Trotzdem konnte das Niveau gehalten werden. Haben sie das Gymnasium unterschätzt?

Hurrelmann:: In meinem ZEIT - Artikel, der ja ein "Offener Brief" an die Kultusminister der 16 Bundesländer war, habe ich die Sorge geäußert, das Gymnasium könne an seinem ungebrochenen Erfolg "ersticken" und durch die wachsende Heterogenität seiner Schülerschaft überfordert werden. Dadurch stünden bald "viele Eltern und viele Schulkinder im Stress". Leider trifft das zu. Das Gymnasium ist wegen seiner pädagogischen Arbeitsweise nun einmal nicht für jeden Schüler und jede Schülerin die bestgeeignete Schulform. Deshalb ist eine Alternative nötig. Für die Gymnasien kann es nur gut sein, wenn sie sich dem Wettbewerb stellen müssen.