Und da startet er kurz vor der Landung noch mal durch. Jürgen Raps kommt gerade aus San Francisco. Nach neuneinhalb Stunden Flug, 9.100 Kilometern Strecke und neun Zeitzonen saust der Chefpilot der Lufthansa in 15 Meter Höhe über die Landebahn des Frankfurter Flughafens. Low Pass. Einmal noch zieht Raps den A380 nach oben, einmal noch drückt er die vier Schubhebel des Airbus nach vorn. Einmal noch Adrenalin. Es kribbelt im Bauch, als Raps die 550 Tonnen schwere Maschine in die Höhe steigen lässt. Raps darf das, darf nach 41 Jahren bei der Lufthansa eine Ehrenrunde drehen – erst über der Landebahn und dann noch über Frankfurts Wolkenkratzern. Da unten auf dem Flughafen erwarten sie ihn schon, seine Freunde und Kollegen – um Adieu zu sagen. Es ist der letzte Flug des Kapitäns .

Rund 19.000 Flugstunden hat der 60-Jährige abgeleistet, etwa viertausendmal hat er in seinem Leben ein Flugzeug gestartet und wieder gelandet. Er hat alle Flughäfen angeflogen, die er anfliegen wollte. Am Anfang der Karriere pinnte er sich noch Nadeln auf eine Weltkarte, um zu markieren, wo er überall gelandet war. Doch das gab er schnell wieder auf, zu viele Ziele kamen in zu kurzer Zeit zusammen.

Raps hat die Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Johannesburg geflogen, mit Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger im Cockpit geplaudert, Luciano Pavarotti in der First Class begrüßt, er hat den A380 im Linienverkehr eingeführt, war Leiter der Verkehrsfliegerschule in Bremen und 16 Jahre lang Chefpilot der Lufthansa.

Ähnliches hat Marie Klaus vielleicht noch vor sich. Die 26 Jahre alte Pilotin sitzt mit Sonnenbrille und ihrer dunkelblauen Uniform auf dem Münchner Flughafen im Cockpit eines A319. Die drei goldenen Streifen links und rechts an ihren Ärmeln weisen sie als Pilotin aus. Marie Klaus wird mit ihren langen blonden Haaren und der schlanken Figur ab und zu in der S-Bahn für eine Stewardess gehalten. Doch sie serviert weder Cola in kleinen Dosen noch Hühnchen auf Plastikgeschirr, Marie Klaus fliegt Airbusse. Im Cockpit sitzt sie als Co-Pilotin rechts neben dem Kapitän und gibt Wegepunkte in den Bordcomputer ein. Sie markieren die Strecke, die das Flugzeug zum Ziel zurücklegen wird. EDDM steht für München und LICJ für Palermo. Dorthin wird sie an diesem Tag mit ihrem Kollegen fliegen.

Vor einigen Wochen hat Marie Klaus ihre Karriere als Co-Pilotin bei der Lufthansa begonnen. Nun absolviert sie ihre ersten Passagierflüge. Sehr viel Kurz- und Mittelstrecke ist dabei, Klaus ist nach zwei Jahren Ausbildung erst einmal in Europa unterwegs. Nach Palermo ist an diesem Tag noch Oslo dran. Und wenn Klaus am Abend aus dem Flugzeug steigt, wird sie mehr als zwölf Stunden gearbeitet haben. Im Monat kommen für sie etwa 15 Arbeitstage zusammen. Tage, an denen sie von morgens bis abends unterwegs ist, manchmal auch in einer fremden Stadt eine Nacht im Hotelzimmer verbringt. Etwa 60.000 Euro verdient sie im Jahr.

Marie Klaus gehört zu den sechs Prozent Frauen unter den Piloten der Lufthansa. Auf ihren ersten Flügen musste sie zu ihrer Uniform noch viel zu große Männerhemden tragen, weil das Unternehmen einen Engpass an Blusen hatte. Die Lufthansa war lange Zeit der Ansicht, ein Flugzeug zu führen sei nichts für Frauen. Erst 1986 durften sie an der Pilotenausbildung teilnehmen. Mittlerweile sind von 100 Pilotenschülern etwa 15 weiblich. Vor zwölf Jahren waren es nur zwei.

Zwischen der Ausbildung von Jürgen Raps und der von Marie Klaus liegen mehr als drei Jahrzehnte, in denen sich die Luftfahrt sehr verändert hat. Piloten müssen wirtschaftlicher fliegen, pünktlich sein, aber auch Kerosin sparen. Sie müssen genau kalkulieren, wie viel Sprit sie brauchen, um möglichst schnell und sicher zum Ziel zu kommen. Die Anzahl der beförderten Passagiere hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt. Allein im vergangenen Jahr wurden rund zweieinhalb Milliarden Passagiere befördert, wie aus dem Jahresbericht der Organisation für den zivilen Luftverkehr hervorgeht. Die Flughäfen sind stark ausgelastet, die Flugzeuge sind größer, die Reisezeiten kürzer geworden. Wer Pilot werden will, muss sich ein Leben lang auf neue Gesetze und neue Sicherheitsstandards, auf neue Technik und neue Flugzeugtypen einstellen.