Das alte Leben des Schweizer Bankers Stefan Kall endet am 6. November 2010. An diesem Tag sitzt Kalls Geschäftspartner mit dem Amerikaner Francis Stone in einem Hotelzimmer im fernen Miami. Der Geschäftspartner sagt: "Stefan meint nach wie vor, du sollst dich nicht selbst anzeigen. Du hast das Geld bar gebracht, es gibt keine Spuren." Zwei Tage später wird der Mann, der das sagt, festgenommen. Ein Richter erhebt Anklage gegen ihn und Stefan Kall. "Conspiracy to defraud the United States" lautet der Vorwurf, § 371 des Gesetzbuches der Vereinigten Staaten von Amerika. Strafmaß: bis zu fünf Jahren Gefängnis.

Seit jenem Winter 2010 überrollt die amerikanische Justiz eine Schweizer Bank nach der anderen: Gegen Mitarbeiter von Credit Suisse und Julius Bär wird Anklage erhoben, gegen Bank Wegelin, Basler Kantonalbank und Zürcher Kantonalbank wird ermittelt. Die Munition für ihre Jagd holten die Staatsanwälte aus über 4.000 Kundendossiers, die von der UBS ab 2009 überreicht wurden, sowie aus Tausenden Selbstanzeigen amerikanischer Bürger.

"Unsere Welt, wie sie war, gibt es nicht mehr", sagt Kall an einem Oktobermorgen in einer Zürcher Bar. Kall, rund 50 Jahre alt, lebt mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern außerhalb der Stadt. Er erzähle seine Geschichte, sagt er, weil er klarstellen wolle: Was er getan habe, hätten alle anderen auch getan. Kall heißt eigentlich anders. Um seine Familie zu schützen, tritt er unter diesem Namen auf.

Als der Vermögensverwalter Kall noch fast ein Kind ist, herrscht Goldrausch in den Schweizer Bankenstädten. Aus der ganzen Welt reisen die Kunden mit Gepäck und Gattin nach Zürich, Genf, Lugano und Basel. An den Schaltern nehmen die Bankiers Koffer voller Geld entgegen. Sie lassen sich ihre Diskretion fürstlich bezahlen: Die Privatbankiers nehmen hohe Gebühren. Und die Angestellten der aufstrebenden Geschäftsbanken lassen sich außerdem Verwaltungsvollmachten ausstellen und investieren das Geld der Kunden in eigene Produkte. "Fett" und "impotent" werden die Schweizer Banken – so wird es viele Jahre später Hans J. Bär schreiben, der damals als Patron über die Familienbank wacht. "Die Kunden kamen von selber", erinnert sich ein älterer Vermögensverwalter. "Und wir glaubten, wir seien richtig gut."

Junge, hungrige Männer zieht es in Scharen zur Bank. Stefan Kall träumt in seinem Dorf im Kanton Solothurn von New York. Er bewundert die Angestellten des Bankvereins, die er auf der Straße sieht: Gewöhnliche Schweizer wie er, doch schon mit 25 Jahren in Anzug und mit Krawatte unterwegs, auf Reisen in Amerika. Kall macht die Lehre bei einer Bank im Nachbardorf. Als er drei Jahre später den zweitbesten Abschluss seines Jahrgangs schreibt, holt ihn der Basler Bankverein zu sich. 1987, Kall ist gerade 25 Jahre alt geworden, schicken ihn die Chefs zum ersten Mal nach New York. Es ist das Jahr, in dem der junge Marcel Ospel von Merrill Lynch nach Basel heimkehrt, um den Bankverein zu modernisieren.

Kall erlernt in New York das Amerikageschäft. Man bringt ihm, dass man Bargeld von einem Kunden in den USA kassiert und es dort gleich an andere Kunden weitergibt – so führt man nie mehr als den Freibetrag von 10.000 Dollar in die Schweiz ein. Kall lernt auch, dass die Kunden keine Post nach Hause erhalten dürfen. Dass es besser ist, wenn man sich in der Schweiz trifft statt in den USA. "Natürlich wusste ich bald, dass die meisten der Gelder unversteuert sind", sagt er heute. "Aber das hatte mich nicht zu interessieren." Kall heiratet.

Das versteckte Schweizer Konto der Amerikanerin Margret Stone

Inzwischen ziehen in der Schweiz ernst zu nehmende Wolken über dem Finanzplatz auf. Die Welt hatte erfahren, dass Schweizer Bankiers die Vermögen von Diktatoren wie Ferdinand Marcos oder Jean-Claude Duvalier verwalteten, dass man Nazideutschland bedient hatte und das südafrikanische Apartheidregime. 1998 zahlen UBS und Credit Suisse 1,25 Milliarden Dollar an jüdische Sammelkläger, nachdem sie sich jahrelang geweigert hatten, Vermögen von Holocaust-Opfern auszuzahlen. Die Banken hätten "unter anderem auch deshalb Hand zu dieser Lösung geboten, weil sie Einschränkungen bei ihren Geschäften in den Vereinigten Staaten befürchteten", schreibt der Journalist Claude Baumann in seinem Buch Ausgewaschen.

Im selben Jahr führt die Schweiz ein scharfes Geldwäschereigesetz ein. Von nun an gilt für Schweizer Bankiers: Wir nehmen kein Geld aus Drogenschmuggel, Frauenhandel oder anderen verbotenen Geschäften mehr. Aber alles andere nehmen wir weiterhin. Und verstecken es.

Irgendwann kurz vor der Jahrtausendwende übernimmt Kall, inzwischen zurück in der Schweiz, eine amerikanische Kundin mit Namen Margret Stone. Die alte Dame hat seit vielen Jahren ein Konto beim Bankverein, der inzwischen zur UBS geworden ist. Sie liebt die Schweiz. Auch ihr verstorbener Mann liebte sie: so viel echtes Leben. Margret Stone besucht ihren Bankier Kall in Zürich. Sie verstehen sich gut. Als Margret Stone stirbt, hinterlässt sie ihren vier Kindern das versteckte Konto in der Schweiz. Eines der Kinder heißt Francis Stone. Er ist Arzt, und auch mit ihm versteht sich Stefan Kall gut.

Steueroasen, so schreibt der Autor Nicholas Shaxson in seinem Buch Schatzinseln, schaden der Gesellschaft. "Indem sie den Eliten unserer Gesellschaft erlauben, sich den Behörden zu entziehen, höhlen Steueroasen die Regeln, Systeme und Institutionen aus, die für das Allgemeinwohl zuständig sind, und sie höhlen gleichermaßen unseren Glauben an diese Regeln aus." Verantwortlich, sagt Kall, habe er sich nie gefühlt. "Ich habe die Vermögen meiner Kunden verwaltet. Ich war nicht ihr Steuerberater."

Wenn ein Staat das Vertrauen seiner Bürger verliere, so sagt es ein Zürcher Privatbankier, dann habe dieser Staat ein Problem. Nicht sein Schweizer Bankier. Ab einer gewissen Steuerlast schütze der Staat Privateigentum nicht mehr. "Sondern er frisst es auf." Versteht er die Wut des Einzelnen, wenn sich andere aus dem Gesellschaftsvertrag verabschieden? "Ja", sagt er. "Aber Gerechtigkeit ist ein sehr subjektives Konzept."