Wer verstehen will, warum Rainer Brüderle nun die FDP dominiert, muss sich den Fraktionschef der Liberalen als Haus vorstellen, am besten als mehrstöckigen Altbau aus der Gründerzeit. Stellt man diesen Bau neben den Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz, so wirkt er recht klein. Stellt man ihn neben einen Bungalow, ist er richtig groß. Das Problem der FDP besteht darin, dass sie keine Fernsehtürme hat, sondern nur Bungalows.

Brüderle, ausgerechnet Rainer Brüderle, ist jetzt der neue starke Mann in der FDP. Fünf Monate nach dem Rostocker Parteitag hängt die jugendliche Führungstroika aus Parteichef Philipp Rösler, Generalsekretär Christian Lindner und Gesundheitsminister Daniel Bahr angezählt in den Seilen. Krachende Niederlagen bei Landtagswahlen, der Mitgliederentscheid über den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM , die alte Steuer-Debatte und der neue Streit über Mindestlöhne , die allgemeine Ratlosigkeit, wie die FDP aus ihrem Umfragen-Elend rauskommt, sowie der gravierende Mangel an Autorität halten die Partei konstant unter dem parlamentarischen Existenzminimum von fünf Prozent. Wenn die Liberalen sich am Wochenende zu einem außerordentlichen Parteitag treffen, um über Europa zu diskutieren, reist nur einer mächtiger nach Frankfurt an, als er von Rostock abreiste: Brüderle. Als "ruhenden Pol", als "Schrot und Korn", als "letzten Hoffnungsträger", ja als "Schattenvorsitzenden" preisen viele Medien nun jenen Mann, den sie lange Zeit als leutseligen, nuschelnden "Mister Mittelstand" verspottet haben, als Pfälzer Gemütsmenschen, der als Handschüttelapparat und Scherzmaschine durchs Leben pflügt. Im Frühling noch drohte Brüderle Opfer des Machtkampfes in der FDP zu werden, seinen Lebenstraum Bundeswirtschaftsminister musste er aufgeben. Jetzt ist es Herbst, und Brüderle schwebt auf der Wolke einer unverschämt guten Laune durch eine Partei in der Existenzkrise. Eine erstaunliche persönliche Leistung – und ein Dilemma für seine Partei. Denn Brüderles Stärke befeuert die Schwäche der FDP.

Seit Brüderle der FDP-Fraktion im Bundestag vorsteht, schießt die Abteilung Attacke der Liberalen Sperrfeuer. "Weichwährungsexperten", schleudert er Roten und Grünen bei Euro-Debatten vom Rednerpult entgegen, sie hätten die Griechen mit dem Euro beschert und den Stabilitätspakt in "Software" verwandelt. Würden solche "Zinssozialisten" regieren, "müssten wir für die Schulden ganz Europas einstehen". Ein Finanzminister Trittin , dieser "Erfinder des Dosenpfands", würde den Euro nachhaltig in eine "Blechwährung" verwandeln, orakelt Brüderle. Und dem omnipräsenten SPD-Kanzlerkandidatenkandidaten Peer Steinbrück, dem "Genossen Pump", wirft er an den Kopf: "Besserwisser sind noch keine Bessermacher." Treffer.

Die FDP-Abgeordneten jubeln über die Kraftmeiereien ihres Vorturners. Wer eineinhalb Jahre lang von Birgit Homburger, seiner Vorgängerin im Amt, auf Rhetorik-Diät gesetzt wurde, stürzt sich nun auf alles, was nach gepfefferter Rede klingt. Doch der Schaden ist größer als der Nutzen. Der Fraktionsvorsitzende der Regierungspartei FDP schaltet die Liberalen auf Oppositionsmodus zurück. Die anderen kritisieren, auf sie verbal einprügeln, frontal angreifen – und dann zuschauen, wie sie schrumpfen und man so lange größer wird, bis man sich selbst für groß hält: Mit dieser Taktik ist die FDP in mehreren Schüben auf 14,6 Prozent bei der letzten Bundestagswahl angewachsen. Mehr als die Hälfte ihrer heutigen Mitglieder sind der Partei beigetreten, als der Kulturkampfrhetoriker Guido Westerwelle seinen schrillen liberalen Grundsound täglich neu abspielte. Brüderles Aufstieg zum Kraftzentrum der FDP demonstriert vor allem eines: wie empfänglich die Partei weiterhin ist für das Laute, das Aggressive. Wer schreit, wird gefeiert. Auch, weil die FDP bei Merkel nicht viel zu sagen hat.

"Bei Rösler und Lindner ist der Lack ab. Brüderle war nie lackiert"

Doch die Menschen draußen, außerhalb der Partei, erwarten von einer Regierung nicht zuerst laute, schrille Angriffe auf die Opposition, sondern Ergebnisse. Brüderle befeuert die Sehnsucht in der FDP nach dem unbeschwerten Gestern. Nicht im fröhlichen Draufhauen aber liegt ihre letzte Chance, sondern in der Seriosität, dem Pragmatismus, der Relevanz im Handeln.

Als die FDP im Frühling ihre Spitze austauschte, durfte Brüderle bleiben, weil er nicht wegzubekommen war – und weil er bestens zur Rest-FDP passte, zur Endmoräne der 14,6 Prozent: der Generation 60 plus, dem kleingewerblichen Mittelstand, den Staatsverächtern. Brüderle ist ihr Mann, und sie sind sein Milieu. Seit er sich mit seinem Nein zu Staatshilfen für Opel gegen die Kanzlerin stellte, genießt er in diesem innersten FDP-Kern Heldenstatus.

Die nachgeschobene Strategie der Neuaufstellung lautet: Brüderle bedient die, die übrig geblieben sind, mit "Brot-und-Butter-Themen", also Wirtschaft und Finanzen. Die drei Jungen bezirzen jene , die kommen sollen, mit "mitfühlendem Liberalismus", also irgendwas. Das Bedienen klappt deutlich besser als das Bezirzen.