Die Männer sitzen in vergitterten Käfigen. Wie Schlachtvieh werden sie in der Nacht auf den 27. August 1796 von Paris in das über 150 Kilometer entfernte Vendôme gekarrt. Dort, weitab von der unberechenbaren Hauptstadt, soll der Prozess stattfinden. Die Gefangenen sind angeklagt, unter Führung von François "Gracchus" Babeuf eine Verschwörung geplant zu haben – mit dem Ziel einer radikaldemokratischen Revolution, mit dem Ziel gar, die Diktatur der Jakobiner fortzusetzen, die zwei Jahre zuvor beendet worden ist.

Die Angeklagten nutzen den drei Monate dauernden Prozess als Tribüne für eine leidenschaftliche Verteidigung ihrer Vorstellungen von politischer und sozialer Gerechtigkeit. Besonders furchtlos und brillant agiert dabei ein Mann mit einem klingenden Namen: Filippo Buonarroti. Der Nachfahre aus der Familie des großen Michelangelo, geboren vor genau 250 Jahren am 11. November 1761 in Pisa als Sohn eines toskanischen Patriziers, ist seit 1793 Citoyen von Frankreich. "Die Toskana hat mich zur Welt gebracht, Frankreich aber ist mein Vaterland", erklärt er stolz. "Mein Leben ist ein andauernder Kampf für die Freiheit [...], damit ganz Europa frei wird und ich zufrieden sterben kann."

Während Babeuf und einer seiner Mitstreiter zum Tode verurteilt werden, bestraft das Gericht Buonarroti, obwohl auch er zum innersten Kreis der Verschwörer zählt, nur mit Verbannung. Ein Urteil mit Folgen. Denn hätte auch er sterben müssen, dann wäre die "Verschwörung der Gleichen" wahrscheinlich nur eine Fußnote zur französischen Geschichte geblieben. Durch Buonarrotis weiteres Wirken hingegen gewannen die Ideen dieses Kreises weit über Frankreich und weit über seine Zeit hinaus Einfluss. Aus ihnen sollte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts eine mächtige Strömung herausbilden: der moderne Sozialismus.

Wer die Entscheidung der Richter 1796 beeinflusst hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht war es der kommende starke Mann selbst, Napoleon Bonaparte. Bonaparte und Buonarroti sind sich im Laufe ihrer stürmischen Karrieren mehrmals begegnet. Beide hatten sich mit Leib und Seele der Revolution verschrieben, freilich mit höchst unterschiedlichen Zielen. Napoleon erklärte später bedauernd: "Buonarroti, der Nachfahre Michelangelos, [...] war ein Mann von Talent, redegewandt und integer [...]. Er hätte mir in Italien sehr nützlich sein können."

Auf Korsika hatten sie sich einst kennengelernt. Nachdem am 14. Juli 1789 die Bastille gefallen war, hatte es Buonarroti nicht länger in seiner Heimat ausgehalten. Er wollte den großen Aufbruch miterleben. Doch statt direkt ins Zentrum der Ereignisse zu reisen, nach Paris, ging er nach Korsika. Die italienisch geprägte Mittelmeerinsel, lange im Besitz der Republik Genua, gehörte seit 20 Jahren zu Frankreich. Immer wieder hatten die Korsen für ihre Freiheit gekämpft und sich 1755 unter Führung von Pascal – oder Pasquale – Paoli sogar eine moderne Verfassung gegeben (die allerdings mit Beginn der französischen Herrschaft wieder suspendiert worden war).

Den jungen Buonarroti zog diese Geschichte unwillkürlich an. Schon während des Jurastudiums in seiner Heimatstadt Pisa war er mit der Philosophie Jean Jacques Rousseaus und anderer Aufklärer bekannt geworden. Er begeisterte sich für die neuen Ideen, ja er habe, so berichtete er später, es bald schon für "die Pflicht eines anständigen Menschen" gehalten, "zum Umsturz des gesellschaftlichen Systems beizutragen, das Europa unterdrückt, um eine Ordnung herzustellen, die die Würde und das Glück aller bewahrt". Eine tiefe Unruhe hatte ihn erfasst: "Ich verschlang die Nachrichten aus Frankreich, verglich die Reden der Patrioten in der Verfassunggebenden Versammlung mit den Lehren von Jean Jacques und fragte mich: Ist es denn wahr, dass das Reich der Gerechtigkeit beginnt? Allzu lang schon hatte ich nur auf dieses Zeichen gewartet."

Es war nicht zuletzt sein Held "Jean Jacques", der Buonarroti auf Korsika verwies. Denn Rousseau, der Philosoph der Volkssouveränität, der mit Paoli in Verbindung stand, hatte 1763 eine eigene Verfassung für die Insel entworfen. "In Europa", schrieb er in seiner berühmten Abhandlung Vom Gesellschaftsvertrag, "gibt es noch ein Land, das eine gute Gesetzgebung verdient: die Insel Korsika. Die Tapferkeit und Ausdauer, mit der dieses mutige Volk seine Freiheit wiederzugewinnen verstand, verdiente, dass ein Weiser es lehrte, seine Freiheit zu bewahren." Vor allem die – vormoderne – Zersplitterung des Grundbesitzes auf der Insel sah der Philosoph als ideale Voraussetzung für eine demokratische Republik der Zukunft.

Eigentlich sollte Buonarroti im Staatsdienst Karriere machen; er hatte geheiratet, eine reizende Contessa, gegen den Willen der Eltern. Vier Kinder gingen in rascher Folge aus der Verbindung hervor, doch zugleich entfremdeten sich die Eheleute unaufhaltsam. Immer wieder verließ er für längere Zeit das Haus – und jetzt hieß das Ziel Korsika.