ZEIT: Müssen alle 17 heutigen Euro-Staaten weiter in der Euro-Zone sein?

Fischer: Ob alle drin sein müssen, weiß ich nicht. Aber wir wären gut beraten, die Griechen drin zu halten. Denn als Außenpolitiker sage ich: Griechenlands Bedeutung für den Balkan und das östliche Mittelmeer wird bleiben.

ZEIT: Sie argumentieren politisch. Mit politischen Argumenten wurde seinerzeit auch die Entscheidung begründet, die jetzt alle als falsch bezeichnen, nämlich Griechenland in die EU und den Euro aufzunehmen.

Fischer: Die Währungsunion war immer ein politisches Projekt. Es ging um die europäische Integration! Und die Italiener und Spanier, hätte man die auch raushalten sollen? Da gab es auch Risiken.

ZEIT: Aber eine andere Wirtschaftskraft. Wir fragen uns jedenfalls, ob eine künftige Wirtschaftsregierung nach Ihrem Modell überhaupt die politische Kraft hätte, irgendetwas besser zu machen, wenn schon Griechenland too big to fail ist.

Fischer: Aber ja. Wenn Sie Euro-Bonds hätten, wäre der drohende Bankrott eines Landes eben kein systemisches Risiko mehr. Nehmen Sie die USA: Wenn der Bundesstaat Louisiana pleitegeht, ist das kein Drama für den Dollar, sondern nur für Louisiana.

ZEIT: War es richtig, Druck auf Griechenland auszuüben, damit das geplante Referendum abgesagt wird? Es ist der Eindruck entstanden: Das Volk stört nur.

Fischer: Vermutlich hätte ich auch so gehandelt wie Merkel und Sarkozy in Cannes. Nicht nur, weil ich mich übel reingelegt gefühlt hätte. In einer solchen Situation kann man keine Spielchen spielen. Da muss man auf Klarheit setzen.

ZEIT: Wird Griechenland in drei Jahren noch im Euro sein?

Fischer: Vor Papandreous Geniestreich hätte ich gesagt: ja. Heute weiß ich nicht, was da noch an Irrationalitäten kommt. Im Übrigen geht es doch längst nicht mehr um Griechenland. Wenn die Griechen aus dem Euro rausgingen, würden wir schon bald die Schlacht um Italien und Frankreich führen.

ZEIT: Wie groß ist die Gefahr, die von Italien ausgeht?

Fischer: Ich sage Ihnen, da haben einige finanziell potente Leute eine Wette laufen. Relevante Marktakteure, vor allem manche Hedgefonds, haben darauf gesetzt, dass der Euro zerbricht. Griechenland ist für die nur das Vorspiel. Die sollten wir enttäuschen und solidarisch zusammenstehen.

ZEIT: Es wird auch argumentiert, dass ein Ausscheiden aus dem Euro viel besser für die Griechen wäre. Und für die EU.

Fischer: Wenn die Griechen jetzt rausgehen, sind sie mehr als pleite.

ZEIT: Pleite sind sie so oder so. Die Frage ist, wem das, was derzeit unternommen wird, wirklich hilft: den Griechen oder den Banken?

Fischer: Die Zweifel an den Sparpaketen teile ich. Ich bin nach Griechenland gefahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Es ist verheerend. Es herrscht ein Zustand der Hoffnungslosigkeit wie nach einem verlorenen Krieg. Ich verstehe nicht, dass Angela Merkel nicht zu einem recht frühen Zeitpunkt nach Athen gefahren ist. Man kann beides tun: die notwendigen schmerzhaften Reformen anmahnen, aber auch Hoffnung geben. Die Griechen werden sich nicht aus der Krise raussparen können. Ich habe nie verstanden, warum die EU nicht das tut, was sie wirklich kann, nämlich die Sanierungsmaßnahmen zu koppeln an ein Wiederaufbau-Paket.