Was haben wir gelacht über den Mann, und wie haben wir getrauert um das Land, das er jahrelang führte. Armes, geliebtes Italien! Doch nun ist Silvio Berlusconi weg , nicht aus dem Amt gefegt, sondern in einer nicht enden wollenden Agonie geschieden, im Palast der Macht ausgetrocknet, eine lebende Mumie. Jetzt müssen wir ohne ihn leben lernen. Das ist eine Erleichterung, doch einfach ist es nicht. Denn Berlusconi hat es uns leicht gemacht. Wir konnten den Kopf schütteln und uns in einer Mischung aus Entsetzen, Empörung und Widerwillen abwenden. Italien verstehen? Das war etwas für masochistisch veranlagte Politikwissenschaftler und sadistische Romantiker. Berlusconi zog all die Aufmerksamkeit auf sich. Hinter seiner grauslig-grotesken Maske verschwand ein faszinierendes, vielschichtiges Land, eine europäische Kulturnation fiel in den Schatten dieser burlesken Figur.

Was zum Beispiel war bloß aus den viel gerühmten und besungenen italienischen Frauen geworden? Lauter langbeinige, silikonbusige, käufliche Wesen! So wie Berlusconi sie in seinen Fernsehsendern zeigte, so wie er sie begehrte und in seine Villen holen ließ, erschienen sie uns, um dort seine berüchtigten Bunga-Bunga-Partys zu feiern. Wenn man vor der Berlusconi-Zeit von italienischen Frauen sprach, dann fielen einem Sophia Loren ein, Dacia Maraini oder Giulietta Masina. Doch in den Zeiten von Berlusconis Regentschaft dominierte tagelang ein 18-jähriges Mädchen namens Ruby Rubacuori die Schlagzeilen, angeblich eine Gespielin des Presidente, die einfach nur »schnell reich werden« wollte. Es war eine öffentliche Entwürdigung, aber es war auch ein einseitiger Blick. Denn es gab auch in all den schrecklichen, entwürdigenden Jahren natürlich die anderen Frauen – Frauen wie Anna Finocchiaro. Die Sizilianerin ist Fraktionssprecherin der Demokratischen Partei im Senat. Sie stammt aus Catania, dort sind unter der Obhut ihres Mannes auch ihre Kinder aufgewachsen, während sie in Rom Politik machte. Ein Familienmodell, das besonders in Süditalien eher selten ist, das Finocchiaro aber mit größter Selbstverständlichkeit vertritt: Die Gleichberechtigung fängt zu Hause an.

Im Italien von heute ist das freilich die große Ausnahme – insgesamt ist die Lage der Frauen beklagenswert. Das Heimatland der mamma hat die niedrigste Geburtenrate Europas, aber noch nicht einmal jede zweite Frau ist erwerbstätig. Keine Kinder und kein Job – kein Wunder, dass gut ausgebildete Italienerinnen ins Ausland flüchten, um dort vielleicht beides zu haben. Für die Politik waren ihre Belange viel zu lange kein Thema, im Parlament sind Frauen genauso unterrepräsentiert wie in den Chefetagen der Wirtschaft. Es sei denn, sie sind Töchter vom Firmenchefs – oder sie waren dem Presidente Berlusconi gefällig.

Anna Finocchiaro ist freilich das perfekte Gegenstück zu Silvio Berlusconi. Sie kommt aus dem Süden. Sie ist groß und elegant, raucht Kette und hat eine Stimme wie die französische Chanteuse Juliette Gréco. Sie kennt sich als Juristin bestens aus mit dem Gesetz — und hat Respekt vor dem Recht. Das ist schon sehr viel, denn Berlusconi hat die italienische Justiz kujoniert , eingeschüchtert und geknebelt, so gut er nur konnte.

Italien wird sich nach dem Ende Berlusconis nicht an Finocchiaro aufrichten, dafür sind ihre Schultern zu schmal. Aber Frauen wie sie halten die Gewissheit am Leben, dass es das andere Italien gibt, dass es den Schmutz und die Schande überlebt hat — in vielen unterschiedlichen Formen. Denn auch das ist charakteristisch für dieses Italien: Es ist einerseits fixiert auf den den starken Mann, auf den l’uomo della provvidenza (Mann der Vorsehung), der dem Volk Wohlstand und Glück bringt. Benito Mussolini wollte einer dieser »Heilsbringer« sein und Berlusoni ein anderer. Gleichzeitig war Italien immer das Land der tausend Kommunen, der unberechenbaren Kreativen. Ja, auch der zwielichtigen Spinner, wie Beppe Grillo einer ist.

Die Nation ist zersplittert. Und genau da liegt ihre Kraft – beim Individuum

Der Komiker Grillo jagt den etablierten Parteien schon seit Jahren Schrecken ein. »Sie sollen alle verschwinden!« — das ist die radikale, wenig Vertrauen erweckende Botschaft Grillos an die Politiker. Er ist ein Antipolitiker, der die Politik geradezu hasserfüllt vor sich hertreibt. Hunderttausende folgen seinen Aufrufen, und inzwischen sitzen Vertreter seiner Antibewegung in norditalienischen Regionalparlamenten. In den Trümmern des politischen Italiens ist er eine herausragende Figur geworden. Das alles gelang ihm ohne Fernsehauftritte. Dabei hatten wir uns ja, besser: hatte uns Berlusconi, daran gewöhnt zu glauben, dass nur, wer im Fernsehen erscheint, auch im wirklichen Leben etwas werden kann. Falsch, das Fernsehen ist von gestern – wenn man Grillos Karriere betrachtet. Er zelebriert seine Shows live vor Publikum und im Netz, dem neuen Medium der Bewegten.

»Sie sollen alle verschwinden!« – das freilich ist kein Slogan, auf dem man ein neues Italien aufbauen kann, eher wohl ist es ein Spruch, der auch noch die letzten verbliebenen Reste funktionierender Politik abräumen möchte. Grillos Weg führt nicht in blühende Landschaften, sondern in die Wüste. Doch ist er eine Stimme von vielen im vielstimmigen Italien. Es ist nur natürlich, dass nach dieser endlos langen Regentschaft Berlusconis Italien in Kakofonie verfällt. Die Instrumente müssen erst noch gestimmt werden. Sie müssen sich finden. Und einer wie Grillo ist im besten Fall Teil einer jetzt nötigen Katharsis, ein vorübergehendes Phänomen, in dem sich der aufgestaute Zorn entladen kann.

Diese Jungen versuchten ihr Land vom Schlamm und Dreck zu reinigen

Unter Berlusconi machte sich nicht nur Zerstörungswille und die Wut des kleinen Mannes breit, eine rabiate Ablehnung alles Politischen, es gab auch Versuche, die Politik, wenn nicht zu erfinden, so doch neu zu gestalten, zu organisieren und zu präsentieren. Während Berlusconi Rom in ein Tollhaus verwandelte, entstand zum Beispiel im äußersten Südosten des Landes eine Alternative nicht nur zur Dekadenz berlusconischer Prägung, sondern auch zur Verknöcherung traditioneller Politik. Nichi Vendola, der Ministerpräsident der Region Apulien, hat seine Partei SEL (Linke, Ökologie, Freiheit) komplett über das Internet organisiert. Die Parteibücher für die mittlerweile 45.000 Mitglieder sind abgeschafft, dafür kann jeder im Netz seine Ideen und Aktionen vorstellen. Vendola, der seine politische Karriere als Jugendfunktionär der straff organisierten Kommunistischen Partei begann, hat alles vollständig auf die Basis gesetzt. Und er hat damit Erfolg. In Mailand gewann sein Kandidat überraschend die Bürgermeisterwahlen. Vendola selbst wurde in Apulien wiedergewählt, er gilt als einer der Anwärter auf die Führung der linken Mitte.

Besonders die jungen Italiener verbinden viele Hoffnungen mit ihm. Sie mögen Vendola, weil er unkonventionell auftritt und genauso unkonventionell lebt. Er ist gläubiger Katholik und Homosexueller, er ist links, aber nicht von gestern. Apulien steht, seitdem Vendola regiert, deutlich besser da als andere Regionen des Südens: Umweltschutz und Mülltrennung sind keine Fremdwörter, ebenso wie nachhaltiger Tourismus. Und die Mafia ist nicht so mächtig wie in Kalabrien oder Kampanien. Lokale Traditionen werden gepflegt, gleichzeitig bieten selbst in den abgelegensten Dörfern die Kommunen den Bürgern freies Internet.

Es ist ein seltsames Paradox: So zersplittert, zertrümmert, ja geradezu atomisiert Italien erscheint, so klar wird gleichzeitig, dass seine Kraft genau darin liegt: beim Individuum. Wenige Tage vor dem Ende Berlusconis konnte man sehen, wie Hunderte junge Italiener spontan zusammenkamen, um mit bloßen Händen den Unrat wegzuschaffen, der die Städte und Dörfer Liguriens und der Toskana nach den sintflutartigen Regenfällen bedeckte. Jeder verstand dieses Bild als symbolische Botschaft. Diese Jungen versuchten ihr Land vom Schlamm und Dreck zu reinigen. Dabei riskierten sie ihr Leben. 17 Menschen kamen bei den Überschwemmung ums Leben.

Volontariato ist das italienische Wort für Ehrenamt. Dahinter verbirgt sich der Einsatz von Hunderttausenden an ganz verschiedenen Fronten. Die spontane Hilfe nach einer Naturkatastrophe, das Engagement in einer Naturschutzorganisation. All das ist seit Jahrzehnten täglich gelebte Praxis. Die Helfer übernehmen viele Aufgaben, die der Staat nicht ausfüllen kann oder will. Zum Beispiel bei der Integration von Migranten. In vielen Städten gibt es Hausaufgabenhilfe, Italienischunterricht, Theater mit illegalen Flüchtlingen. Alles von Bürgern organisiert. Auch die Kirche spielt eine große Rolle, in Rom etwa wird die Sozial- und Altenarbeit zu einem ganz wesentlichen Teil von der Basisgemeinde St. Egidio oder von der Caritas übernommen. Der Gründer von St. Egidio, Andrea Riccardi, erhielt für seine Arbeit den Karlspreis. Die Gemeinde ist wegen ihrer internationalen Friedensarbeit für den Nobelpreis im Gespräch – sie vermittelte zum Beispiel ein Abkommen, das einen über Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg in Mosambik beendete.

Italien, das ist seine Zivilgesellschaft. So mancher Freiwillige opfert nicht nur seine Zeit, er riskiert auch seine Unversehrtheit. Wenn von den Mafia-Organisationen Süditaliens die Rede ist, wird oft vergessen, dass auch die Anti-Mafia-Bewegung italienisch ist. Heute bestellen Dutzende von Anti-Mafia-Kooperativen jene Ländereien, die vormals den Bossen gehörten, engagieren sich sizilianische Studenten gegen die Schutzgeldsteuer der Mafia. Das Italien des volontariato hat immer funktioniert. Beharrlich, erfindungsreich, fest im Glauben an die Kraft des Menschen, schnurrte dieser Freiwilligenmotor vor sich hin und hielt das Land am Laufen. Die Geisteshaltung des volontariato wird in der Ära nach Berlusconi nützlich sein, denn jetzt muss eine Zeit des Wiederaufbaus und der Versöhnung kommen, wenn das Land aus seiner tiefen Krise finden will.

Großzügigkeit ist dabei eine entscheidende Tugend, die Bereitschaft, für die Allgemeinheit zu geben. Das ist gute italienische Tradition. Schließlich ist das Mäzenatentum im antiken Rom erfunden worden. Freilich schien es sich unter Berlusconi darauf zu beschränken, dass sich die großen Wirtschaftskapitäne Fußballklubs als Spielzeuge leisteten. Neuerdings investieren die Industriellen aber auch in die Kunstschätze ihres Landes, so bezahlt ein Luxusschuh-Hersteller die Renovierung des römischen Kolosseums.

Berlusconi hat sich stets als Selfmade-Mann dargestellt, in Wirklichkeit ist das nur die halbe Wahrheit. Auf seinem Weg nach oben haben ihm Mentoren aus der Politik sehr geholfen. Ein echter Selfmade-Mann hingegen ist Carlo Petrini, der Gründer der Slow-Food-Bewegung. Slow Food ist heute in vielen Ländern vertreten und veranstaltet in Italien drei international viel beachtete Nahrungsmittelmessen für bewusstes Essen. Petrini ist ein moderner Apostel italienischer Lebensart. Er hat der Welt beigebracht, einfacher und bewusster zu essen.

Unternehmer kaufen Staatsanleihen: "Wir bezahlen unsere Schulden selbst!"

Kreativität und unkonventionelles Denken – das waren mal die Eigenschaften , die Italiens Unternehmer konkurrenzfähig machten . Unter Berlusconi sind sie in Vergessenheit geraten. Doch jetzt, auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise, kommen sie plötzlich wieder zum Vorschein. 15.000 Unternehmer haben sich bereits zusammengetan, um in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen. Ihr Motto: »Wir bezahlen unsere Schulden lieber selbst.«

Reicht das alles für einen Neuanfang? Reicht es, um nicht in den Abgrund zu fallen? Wir können es nicht wissen, doch Italiens Kraft speist sich aus unzähligen Quellen, und manche beginnen zu sprudeln, wo man sie nicht vermutet hätte. Ausgerechnet das Bankwesen ist so eine alte italienische Quelle. Natürlich, »Bank« ist heute fast schon ein Schimpfwort geworden, doch Italien hat das Bankwesen erfunden. Girokonto, Kredit, Bank – alles Wörter italienischer Herkunft. Nur in Italien können sich die Institute Monte dei Paschi di Siena und Banco di Napoli um das Privileg streiten, sich älteste Bank der Welt nennen zu dürfen. Unstrittig ist hingegen, dass die Seerepublik Amalfi im Mittelalter als erste die seit der Römerzeit verschwundene Münzwährung wieder einführte – die italienischen Seerepubliken brauchten das für den Handel im Mittelmeerraum.

Man kann also in Italien schon etwas länger mit Geld umgehen. Das ist mehr als wohlfeile Folklore für beängstigend klamme Zeiten, es ist der Verweis darauf, dass hier viel Kompetenz in Finanzfragen gewachsen ist. Das Land hat große Ökonomen hervorgebracht, nicht selten in Personalunion auch überzeugte Europäer. Das gilt etwa für Carlo Azeglio Ciampi, der als einer der Väter des Euro seine Landsleute von einer Sondersteuer überzeugen konnte, die Italien den Zutritt zur Gemeinschaftswährung ermöglichte. Ciampi war zeitweise auch Ministerpräsident einer überparteilichen Regierung. In dieser Rolle sehen jetzt viele den ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti. Ein weiser, kompetenter Fährmann für den Übergang in die Ära nach Berlusconi.

Dass jetzt der Italiener Mario Draghi die EZB führt, wurde im Ausland mit dem boshaften Kompliment begrüßt, Draghi sei gar nicht so italienisch. In Wirklichkeit ist es ein Glücksfall für die EZB, dass der neue Chef ein Römer ist. Mehr »old Europe«, verbunden mit wertvollen transatlantischen Erfahrungen, geht nicht. Das könnte man auch über die frühere EZB-Forschungsdirektorin Lucrezia Reichlin sagen. Die Ökonomin entstammt einem vormals streng kommunistischen Elternhaus. Ihre Mutter Luciana Castellina ist eine bekannte linke Journalistin und Abgeordnete im Europäischen Parlament, der Vater Alfredo Reichlin war KPI-Funktionär. Die ganze Familie ging auf das römische Elitegymnasium Torquato Tasso und paukte Altgriechisch und Latein, Homer, Petrarca, Dante. Die Ökonomie kam später dazu – auf ein solides Fundament

Berlusconi also schnell vergessen und auf die kreativen Kräfte Italiens setzen? Das könnte das Motto der Stunde sein. Klingt beruhigend, ist vielleicht auch ziemlich naiv, gewiss. Doch was sonst sollte man machen? Weiter auf den Zampano starren, weiter das Unmögliche zu verstehen versuchen, dass ausgerechnet ein Mann wie er ein Land wie dieses so lange regieren konnte? Das ist eine unerlässliche Übung. Die Bilanz der Ära Berlusconi muss gezogen werden, doch das besorgen zurzeit die Märkte auf gnadenlose Weise. In der Politik tut Vertrauen Not, Vertrauen in Italien.