Christian Gfüllner schaltet auf Rot. Ein Klick auf das Trackpad seines Notebooks genügt. Jetzt zeigt ein Farbbalken neben seinem Porträtfoto auf dem Bildschirm an, dass man den Kollegen Gfüllner »bitte nicht stören« soll. Vorher war der Balken grün, und das hieß: »ansprechbar«. Für den Vertriebsmann in der Deutschlandzentrale von Microsoft bei München ist das sehr nützlich: Jeder seiner 90.000 Kollegen auf der Welt kann bei Bedarf jetzt sehen, dass er nicht zu sprechen ist.

Gfüllner selbst vergewissert sich im Firmenkommunikationssystem, dass sein Kollege Carsten Benecke in der Außenstelle Walldorf gesprächsbereit ist. Geschwind schickt er ihm eine Instant Message: »Wollen wir?« OK. Gfüllner klickt auf »Video«. Benecke erscheint auf dem Bildschirm. Der Hintergrund lässt erkennen, dass der Kollege in seinem Büro sitzt. »Ja«, bestätigt der, »die Gefahr, dass ihr mich im T-Shirt zu Hause erwischt, besteht heute nicht.«

Was Christian Gfüllner mit ein paar Klicks vorführt, ist ein Kommunikations-Tool namens Lync 2010. Statt Carsten Benecke in Walldorf anzuchatten, hätte er ihn auch anrufen können, per Festnetz oder mobil. Ein Mausklick hätte genügt, ohne dass er ein Telefon hätte anfassen müssen. Hätte eine größere Kollegenrunde bei Gfüllner beisammengesessen, hätte die Rundumkamera auf dem Tisch jeden von ihnen automatisch herangezoomt, sobald er gesprochen hätte. Es käme echtes Konferenzfeeling auf.

Gfüllner ist stolz auf das, was die Kommunikationssoftware Lync alles kann. Aber ihre technische Klasse vorzuführen ist gar nicht sein wichtigstes Anliegen. Es geht ihm um mehr. Diese firmeneigene Software ist Bestandteil einer besonderen Arbeitskultur , der nach seiner Ansicht die Zukunft gehört. Microsoft gewährt seinen Angestellten erstaunliche Freiheiten. Erstens: Feste Arbeitszeiten sind praktisch abgeschafft . Zweitens: Präsenz am Schreibtisch unter den Augen des Chefs ist nicht gefragt . Nur die Arbeitsresultate müssen, drittens, stimmen.

Erstaunlich viele Freiheiten

Bei Wettbewerben um den Titel »Bester Arbeitgeber« landet Microsoft regelmäßig auf Spitzenplätzen. Die offene Unternehmenskultur scheint insbesondere den Bedürfnissen von Frauen entgegenzukommen , mehrfach ist die Firma extra dafür ausgezeichnet worden. Mehr als ein Viertel aller Microsoft-Beschäftigten ist weiblich, von den 15 Mitgliedern der Geschäftsleitung sind es sieben.

Gfüllner ist Abteilungsleiter in einem Unternehmensbereich, der Software für Großunternehmen entwickelt und verkauft. Ein umgänglicher Jungmanager, smart und locker. Seinen Arbeitstag hat er um halb neun zu Hause begonnen, als er sich mit dem Laptop ins Firmensystem eingeloggt hat.

Um zehn ist er im Büro erschienen. Um 16 Uhr wird er wieder heimfahren, drei Stunden später mit der Familie zu Abend essen – sein Präsenzstatus im Lync-System wird dann Gelb anzeigen, »out of office«. Zwischen 20 und 22 Uhr wird er sich noch einmal ins Homeoffice entschuldigen; vor allem um zu sehen, ob etwas mit dem Microsoft-Hauptquartier im amerikanischen Seattle zu regeln ist, wo bei neun Stunden Zeitunterschied dann gerade Hochbetrieb herrscht. Gfüllner wäre dann heute vergleichsweise lange im Büro gewesen. Weil Microsoft Deutschland hauptsächlich verkauft, was in Amerika entwickelt wird, sind die meisten der 2.400 Mitarbeiter oft unterwegs bei der Kundschaft. Da passt ein Arbeitszeitmodell, das zur Flucht vom Schreibtisch einlädt.

Das Verkaufsargument lautet: Produktivität

Die auffällige Stille auf den lichten Büroetagen der Deutschlandzentrale in Unterschleißheim ist deshalb ein prägendes Firmenfeature. Bis zu zwei Dutzend Angestellte teilen sich einen Großraum, zu dem Rückzugskabinen für Konferenzen und sensible Telefonate gehören. Die meisten Schreibtische stehen verlassen und aufgeräumt da. Noch hat jeder der 1.400 Beschäftigten hier einen eigenen Platz, aber weil das als Raumvergeudung erkannt worden ist, wird gerade umgebaut. Künftig sollen sich statistisch 2,3 Leute einen Schreibtisch teilen. Bei Bedarf sucht man sich mit seinem Notebook halt einen freien Platz.

Außen vor geblieben sind bei der Bedarfskalkulation zwei beliebte Lokalitäten in der Zentrale. Da ist erstens der Coffeeshop in der Empfangshalle. Vertriebsleute hocken dort, über Laptop und Cappuccino gebeugt, mit Kunden zusammen. Zweitens ist da das Fitness-Center. Der fest angestellte Trainer schätzt, dass 80 Prozent der Belegschaft regelmäßig zu ihm kommen – meistens über Mittag.

Zur Infrastruktur, die den Mitarbeitern den Aufenthalt angenehm machen soll, gehört auch ein Kiosk für Alltagsbedarf, der vor Kurzem um eine Annahmestelle für eine Textilreinigung erweitert wurde, nachdem dies mal eben per E-Mail vorgeschlagen worden war. Arbeitsmaterial gibt es im IT Service Center. Dort steht alles bereit, was der Markt der Informationstechnik zu bieten hat: die neuesten Smartphones, Notebooks oder Tablet-Computer. Jeder neu eingestellte Mitarbeiter sucht sich aus, was er braucht.

Flexibilität und Freiheit

Das IT Center war auch eine der ersten Anlaufstellen für Carolin Müller, als sie vor sieben Jahren als Trainee bei Microsoft anfing. Damals war sie gerade 24 Jahre alt. Sie arbeitet heute, wie Gfüllner, im Großkundenvertrieb, ihre Klienten sind Chemie- und Pharmafirmen, Energie- und Logistikkonzerne sowie Fernseh- und Telekomfirmen. Aus dem Umgang mit ihren Kunden hat sie eine Grundorientierung gewonnen: »Die Unternehmen konkurrieren immer härter um Leute wie mich, also die jungen Wissensarbeiter. Die sind alle digital natives, hochgradig netzaffin. Und denen muss man zweierlei bieten: eine technische Ausstattung, die auf der Höhe der Zeit ist. Und eine Arbeitskultur, die Flexibilität und Freiheit gewährt.«

Carolin Müller ist unverheiratet und kinderlos. Sie weiß, dass das Microsoft-Zeitmodell vor allem berufstätigen Eltern erlaubt, die Ansprüche von Familienleben, Kinderbetreuung und Job in Einklang zu bringen. Sie selbst profitiert von der zeitlichen und örtlichen Flexibilität. Es ist kein Problem, zum Beispiel freitags und montags die Termine und Telefonate vom Homeoffice aus zu erledigen. »Das müssen wir mit dem Chef nicht jedes Mal abstimmen«, sagt Müller, »so etwas ist einfach kein Thema mehr.«

Vordergründig ist es Carolin Müllers Job, den Unternehmen in Deutschland Software von Microsoft zu verkaufen. Tatsächlich aber verbreiten sie und ihre Kollegen bei der Kundschaft die Saat einer neuen Arbeitskultur gleich mit. Zum einen nämlich wirkt ein Kommunikationssystem wie Lync subversiv, weil sich sein Nutzen umso mehr entfaltet, je mehr auch die Strukturen der Arbeit geöffnet werden. Zum anderen sind die Microsofties von ihrer Firmenkultur so sehr überzeugt, dass sie mit apostolischem Eifer dafür werben. »Evangelisten« lautet deshalb die interne Bezeichnung für ein paar Dutzend Spitzenleute aus dem Marketing, die den Segen neuer Produkte in die Welt tragen sollen.

Das Verkaufsargument, auf das der Vertrieb von Microsoft am stärksten setzt, lautet: Produktivität. Als Christian Gfüllner sich mit seinem Walldorfer Kollegen zur Videokonferenz zusammenfand, ging das alles binnen Sekunden. »Der Charme des Systems«, hatte Gfüllner dazu gesagt, »liegt in seiner Integriertheit. Mehrere Kommunikationskanäle liegen eng nebeneinander, ich wähle per Mausklick und verdichte die Kommunikation einfach ungemein. Ich formuliere auch nicht mehr zehn Minuten lang eine E-Mail, um nach dem Senden zu erfahren, dass der Adressat im Urlaub ist – Lync gibt mir ja seinen Präsenzstatus im Voraus, neben seinem Foto erschiene dann eine gelbe Markierung.«

Auch der Zeitvergeudung durch Spaziergänge auf den Bürofluren, um Kollegen zu treffen, oder durch weite Dienstreisen zu Konferenzen soll Lync ein Ende setzen. Im Laufe der Videokonferenz hatten Gfüllner und der Kollege auch noch Share Point genutzt – diese Technik bietet die Möglichkeit, bestimmte Dateien gemeinsam zu bearbeiten. Etwa wenn man zusammen den Text einer Präsentation redigiert.

"Die Beschäftigten haben in der Hand, was sie ihren Chefs zeigen wollen"

Natürlich kann Carolin Müller der Kundschaft jede Menge Zahlen präsentieren, die Produktivitätsgewinne aus Microsoft-Systemen belegen sollen. So erhöht etwa der Einsatz von Lync die effektiv genutzte Arbeitszeit an einem Achtstundentag um 28 Minuten. Microsoft selbst will durch den Einsatz konzernweit jährlich 45.000 Dienstreisen einsparen und die Kosten für Büroraum halbieren.

Die IT-Experten in den Kundenfirmen muss Carolin Müller meistens nicht überzeugen, weil die ohnehin stets an den neuesten Entwicklungen interessiert sind. Bei den Investitionsentscheidern im Management hilft das Produktivitätsargument. Doch das Evangelium von Microsoft trifft nicht überall auf offene Ohren. Vor allem in großen Unternehmen mit traditioneller Arbeitskultur, Schichtbetrieb etwa, und starken Arbeitnehmervertretungen wird alles Neue erst mal beargwöhnt. So nimmt es jedenfalls Melanie Lorberg wahr. Mit ihren 26 Jahren repräsentiert die »Lösungsberaterin für Produktivitätsplattformen« die jüngste Generation von Microsofties. Sie berichtet von Betriebsräten, welche die Einführung von Lync verweigert haben.

Das Argument der Widerständler laute, neben Datenschutz, immer wieder, dass der elektronische Kommunikator die Arbeitnehmer unter wachsenden Leistungsdruck setze und die Kontrollmöglichkeiten durch die Chefs erhöhe. »Dabei ist es doch genau anders«, sagt Lorberg, »die Beschäftigten haben doch in der Hand, was sie ihren Chefs zeigen wollen. Wenn ich zum Beispiel einen privaten Termin im Kalender eintrage, ist nur sichtbar, dass ich für die Arbeit nicht zur Verfügung stehe, aber doch nicht, was ich mache.«

Es gibt Fragen aus der alten Arbeitswelt, welche die junge Wissensarbeiterin offenbar kaum noch erreichen. Etwa diese: Führt die neue Freiheit der Vertrauensarbeitszeit nicht zu einer Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit, die unterm Strich bewirkt, dass die Belegschaften ihrem Arbeitgeber eine größere Arbeitsleistung gewähren, als sie ihm eigentlich schulden? Melanie Lorbergs Antwort: »Ach was. Wir arbeiten in meiner Generation doch alle viel. Mir ist nur wichtig, dass ich meine Arbeit in mein Leben integrieren kann und nicht mein Leben in meine Arbeit einpassen muss.«

Leistungsdruck und Bedenken

Auch Microsoft selbst hat einen Betriebsrat. Der hat zum Beispiel eine Betriebsvereinbarung über die Vertrauensarbeitszeit abgeschlossen, in der das Modell der schönen neuen Arbeitsfreiheit kodifiziert ist. »Was wir da vor zehn Jahren ausgehandelt haben, ist den meisten Kollegen hier viel zu restriktiv. Keiner hält sich dran«, sagt Günter Dobler, der Betriebsratsvorsitzende am Standort München. Er meint damit, dass es im Prinzip schon eine definierte Kernarbeitszeit zwischen 10 und 16 Uhr bei Microsoft gibt und dass die Mitarbeiter so etwas wie Überstunden eigentlich aufschreiben sollten, was sie nicht tun.

Dobler, seit 21 Jahren bei Microsoft, ist ziemlich immun gegen Marketinggeklingel und Unternehmens-PR. »Die Software ist zwar prima«, sagt er, »und die Bedenken der Betriebsräte bei einigen unserer Kunden teile ich nicht. Auch die Flexibilität bei der Arbeit ist etwas, was die meisten unserer Mitarbeiter nicht mehr missen möchten. Aber es steht auch außer Frage, dass der Leistungsdruck in den vergangenen 20 Jahren sehr gestiegen ist. Der Druck wird einfach durch Leistungsbeurteilungen und Zielvereinbarungen ausgeübt , die oft nur um den Preis des drohenden Burn-outs zu erfüllen sind. Aus der Zentrale in Amerika wird ein System der Leistungsbewertung vorgegeben, das ich nicht für fair halte.« Auch was die Frauenförderung angeht, rückt Dobler die Dinge zurecht: »Der hohe Frauenanteil, ja, das stimmt vor allem auf den Leitungsebenen. Aber bei den geringer Qualifizierten sieht es so aus, dass die Kolleginnen es oft schwer haben, ihren Wunsch nach Teilzeit erfüllt zu bekommen.«

Dann aber fügt er noch hinzu: »Man muss natürlich bedenken: Als Betriebsrat bekomme ich vor allem das Negative zu sehen. Es steht ganz außer Zweifel, dass Microsoft ein Arbeitgeber ist, bei dem ich jederzeit wieder anfangen würde.«