Natürlich kann Carolin Müller der Kundschaft jede Menge Zahlen präsentieren, die Produktivitätsgewinne aus Microsoft-Systemen belegen sollen. So erhöht etwa der Einsatz von Lync die effektiv genutzte Arbeitszeit an einem Achtstundentag um 28 Minuten. Microsoft selbst will durch den Einsatz konzernweit jährlich 45.000 Dienstreisen einsparen und die Kosten für Büroraum halbieren.

Die IT-Experten in den Kundenfirmen muss Carolin Müller meistens nicht überzeugen, weil die ohnehin stets an den neuesten Entwicklungen interessiert sind. Bei den Investitionsentscheidern im Management hilft das Produktivitätsargument. Doch das Evangelium von Microsoft trifft nicht überall auf offene Ohren. Vor allem in großen Unternehmen mit traditioneller Arbeitskultur, Schichtbetrieb etwa, und starken Arbeitnehmervertretungen wird alles Neue erst mal beargwöhnt. So nimmt es jedenfalls Melanie Lorberg wahr. Mit ihren 26 Jahren repräsentiert die »Lösungsberaterin für Produktivitätsplattformen« die jüngste Generation von Microsofties. Sie berichtet von Betriebsräten, welche die Einführung von Lync verweigert haben.

Das Argument der Widerständler laute, neben Datenschutz, immer wieder, dass der elektronische Kommunikator die Arbeitnehmer unter wachsenden Leistungsdruck setze und die Kontrollmöglichkeiten durch die Chefs erhöhe. »Dabei ist es doch genau anders«, sagt Lorberg, »die Beschäftigten haben doch in der Hand, was sie ihren Chefs zeigen wollen. Wenn ich zum Beispiel einen privaten Termin im Kalender eintrage, ist nur sichtbar, dass ich für die Arbeit nicht zur Verfügung stehe, aber doch nicht, was ich mache.«

Es gibt Fragen aus der alten Arbeitswelt, welche die junge Wissensarbeiterin offenbar kaum noch erreichen. Etwa diese: Führt die neue Freiheit der Vertrauensarbeitszeit nicht zu einer Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit, die unterm Strich bewirkt, dass die Belegschaften ihrem Arbeitgeber eine größere Arbeitsleistung gewähren, als sie ihm eigentlich schulden? Melanie Lorbergs Antwort: »Ach was. Wir arbeiten in meiner Generation doch alle viel. Mir ist nur wichtig, dass ich meine Arbeit in mein Leben integrieren kann und nicht mein Leben in meine Arbeit einpassen muss.«

Leistungsdruck und Bedenken

Auch Microsoft selbst hat einen Betriebsrat. Der hat zum Beispiel eine Betriebsvereinbarung über die Vertrauensarbeitszeit abgeschlossen, in der das Modell der schönen neuen Arbeitsfreiheit kodifiziert ist. »Was wir da vor zehn Jahren ausgehandelt haben, ist den meisten Kollegen hier viel zu restriktiv. Keiner hält sich dran«, sagt Günter Dobler, der Betriebsratsvorsitzende am Standort München. Er meint damit, dass es im Prinzip schon eine definierte Kernarbeitszeit zwischen 10 und 16 Uhr bei Microsoft gibt und dass die Mitarbeiter so etwas wie Überstunden eigentlich aufschreiben sollten, was sie nicht tun.

Dobler, seit 21 Jahren bei Microsoft, ist ziemlich immun gegen Marketinggeklingel und Unternehmens-PR. »Die Software ist zwar prima«, sagt er, »und die Bedenken der Betriebsräte bei einigen unserer Kunden teile ich nicht. Auch die Flexibilität bei der Arbeit ist etwas, was die meisten unserer Mitarbeiter nicht mehr missen möchten. Aber es steht auch außer Frage, dass der Leistungsdruck in den vergangenen 20 Jahren sehr gestiegen ist. Der Druck wird einfach durch Leistungsbeurteilungen und Zielvereinbarungen ausgeübt , die oft nur um den Preis des drohenden Burn-outs zu erfüllen sind. Aus der Zentrale in Amerika wird ein System der Leistungsbewertung vorgegeben, das ich nicht für fair halte.« Auch was die Frauenförderung angeht, rückt Dobler die Dinge zurecht: »Der hohe Frauenanteil, ja, das stimmt vor allem auf den Leitungsebenen. Aber bei den geringer Qualifizierten sieht es so aus, dass die Kolleginnen es oft schwer haben, ihren Wunsch nach Teilzeit erfüllt zu bekommen.«

Dann aber fügt er noch hinzu: »Man muss natürlich bedenken: Als Betriebsrat bekomme ich vor allem das Negative zu sehen. Es steht ganz außer Zweifel, dass Microsoft ein Arbeitgeber ist, bei dem ich jederzeit wieder anfangen würde.«