Zweimal vollzogen die Evangelikalen im 20. Jahrhundert eine konservative Wende. Die zweite, in den 1960er Jahren, war eine Reaktion auf die von ihnen so empfundene moralische Feigheit in der Außenpolitik. Sie fühlten sich provoziert von linken Antikriegsprotesten und der mangelnden Bereitschaft, den Kommunismus zu bekämpfen. Mit dieser Kehrtwende reagierten sie auch auf die Innenpolitik Lyndon B. Johnsons, dessen Bürgerrechtsprogramme und Armutsbekämpfung sie als falsche "Almosen" ansahen. Als dann noch die grellen Hippies kamen, schlossen sich die Evangelikalen vollends den Republikanern an, um die Nation vor dem moralischen Abstieg zu bewahren.

Die neuen Evangelikalen heute sind natürlich immer noch evangelikal. Sie betonen aus ihrem Glauben heraus einen antiautoritären, staatsskeptischen, eigenverantwortlichen Aktivismus. Doch hat er ein breiteres Spektrum an Zielen. Das liegt an einer jungen Generation idealistischer Evangelikaler, die die Ansichten ihrer Eltern verwerfen. Ein weiterer Grund ist, dass sich seit den 1960er Jahren der Umgang mit Sexualität ebenso gewandelt hat wie das Verhältnis zur Umwelt und die Mittel globaler Vernetzung. Vielen Jungen erscheint die religiöse Rechte, die vor 35 Jahren einmal in der politischen Mitte angesiedelt war, heute realitätsfremd. Und schließlich ist da noch ein moralischer Grund für den Wandel. Der Militarismus und die Folterungen der Bush-Jahre haben dazu geführt, dass viele Evangelikale sich fragen, wie weise es eigentlich ist, mit der Macht zu paktieren.

Drei zentrale Merkmale kennzeichnen die gegenwärtigen "neuevangelikalen" Aktivitäten. Erstens: die Befürwortung der Trennung von Kirche und Staat. "Niemand darf Zweifel hegen", verlautbarte das "Evangelikale Manifest" im Jahr 2008, "dass wir uns entschlossen gegen jeden Versuch wenden, unserer pluralistischen Gesellschaft einen Gottesstaat aufzuzwingen." Zweitens: Volksbildung, Lobby-Arbeit, Koalitionsgespräche, Verhandlungen. "Denn in einer Demokratie gewinnt niemand immer", sagte Rick Warren, der das Gebet zu Obamas Amtseinführung sprach. Drittens: Kritik an der Regierung.

Aus diesen drei Gründen engagieren sich Amerikas neue Evangelikale lebhaft für soziale und wirtschaftliche Belange. Ein Positionspapier der National Association of Evangelicals (NAE) fordert gar eine gerechtere Wirtschaftsordnung, "in der Dauerarmut nicht toleriert wird". Sie wollen nicht nur fromme Wohltätigkeit, sondern strukturelle ökonomische Veränderungen.

Auf überkonfessioneller Ebene unterstützt das christliche Hilfswerk World Vision 100 Millionen Menschen in fast 100 Ländern mit jährlich 2,6 Milliarden US-Dollar. Private Spenden kommen von 4,7 Millionen Amerikanern, und allein das Mikrokreditprogramm der Organisation fördert über 440.000 Projekte in 46 Entwicklungsländern. Die Hauptarbeit dabei wird von Ehrenamtlichen gemacht. Fast alles erledigen die Mitglieder lokaler Kirchen, die auch die Spenden sammeln. So gründete Shane Claiborne – der Elvis der jüngeren Evangelikalen – die Simple-Way-Gemeinschaft in Philadelphia, die den hilfsbereiten "christlichen Untergrund" vernetzt: von Handwerkern, die leer stehende Wohnungen für Bedürftige renovieren, bis hin zu Technikern, die unautorisierte Stromgeneratoren in Armenvierteln installieren. Rick Warrens P.E.A.C.E.-Programme verbinden die Kirchen der Industrieländer mit ihren Schwesterkirchen in den Entwicklungsländern.

Die kritische Haltung der neuen Evangelikalen zur Regierung hat durchaus theologische Gründe. Sie sehen in den Politikern, deren Macht sie nicht für gottgegeben halten, fehlbare Menschen, die durchaus zu Gier und Korruption neigen – und wollen sie auf den Pfad der Tugend führen. Die Kirche habe die "prophetische Rolle", eben nicht an der Macht zu sein, sondern "den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen". So veröffentlichte die NAE 2007 eine auf die Bush-Regierung zielende "Evangelikale Erklärung gegen die Folter" und forderte eine Einwanderungsreform, an der sich viele Republikaner stoßen.

Wenn man die Regierung kritisieren will, darf man nicht von ihr abhängig sein. 2005 wandte sich die enorm einflussreiche Zeitschrift Christianity Today ausdrücklich gegen jede Verschmelzung von biblischen Wahrheiten und republikanischen Werten. Das "Evangelikale Manifest" von 2008 ging noch weiter. Es rief die Gläubigen dazu auf, sich von der Parteipolitik zu distanzieren, damit "Christen nicht zu ›nützlichen Idioten‹ für diese oder jene politische Partei werden". Im Präsidentschaftswahlkampf von 2008 bildeten sich evangelikale Lobbygruppen wie das Matthäus-25-Netzwerk, um Obama zu unterstützen.