Die meisten werden anhaltend klatschen, so verlangt es das Gesetz der Inszenierung. Ein paar Hände werden auch unten bleiben, wenn beim Parteitag der CDU in Leipzig der Leitantrag "Starkes Europa" verabschiedet wird und die Kanzlerin die CDU als die Europa-Partei würdigt. Ein paar Fäuste werden sich in der Tasche ballen. Und ein paar Leute werden darüber nachdenken, ob sie noch in der richtigen Partei sind. Ob sie wechseln sollen. Oder ob es sogar Zeit ist für eine neue konservativ-bürgerliche Partei , rechts von der CDU, jenseits der schwarz-gelben Koalition.

Familienpolitik, Atomwende, Bundeswehrreform, Mindestlohn: Für die einen sind das Chiffren der Modernisierung, für die anderen sind die Kurswechsel der vergangenen Jahre Symptome einer fortschreitenden Heimatlosigkeit. Auf zehn bis 15 Prozent wird das Potenzial derer geschätzt, die sich vom sogenannten bürgerlichen Lager nicht mehr vertreten fühlen und bei Wahlen meistens zu Hause bleiben. Mit dem Krisen-Dauerbrenner Europa haben die Kräfte, die aktiv an der Neugründung einer Partei arbeiten, neuen Schwung bekommen.

Eine "bundesweit bekannte politische Person" sondierte am 3. Oktober beim Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach, ob er sich eine Mitarbeit an einer neuen Partei vorstellen könne. Das war, unmittelbar nachdem Bosbach von Kanzleramtsminister Roland Pofalla mit den Worten "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen" niedergemacht worden war. Um die für eine Parteigründung notwendigen Finanzen brauche man sich keine Sorgen zu machen, Anlass sei die "ernste Sorge" um Europa. Man verstehe sich keineswegs als antieuropäische Bewegung, im Gegenteil, hinter den erneuten Bestrebungen zu einer Parteigründung stecke die Sorge vor einer Überdehnung Europas. Auch ein geplanter Türkei-Beitritt werde skeptisch beäugt.

Zwei Wochen später wurde Bosbach erneut angesprochen. Diesmal ging es um Plan B: eine bundesweite Ausdehnung der Freien Wähler, die vor allem in Bayern der CSU Konkurrenz machen und dort seit 2008 im Landtag vertreten sind. Bosbach bestätigt, dass er angesprochen worden sei. Und stellt klar: "Die CDU war, ist und bleibt meine Partei." Auf keinen Fall, so Bosbach, würde er austreten. "Ich würde nie gegen die Leute Wahlkampf machen, die für mich Plakate geklebt haben." Hans-Olaf Henkel sei nicht der Konfident gewesen, so viel verrät er. Mehr will Bosbach zu dem Thema nicht sagen, er hat Vertraulichkeit gelobt.

Vor anderthalb Jahren gab es schon einmal konkrete Planungen. Eine Gruppe einflussreicher Leute, das bestätigen mehrere Quellen unabhängig voneinander, soll sich damals intensiv mit dem früheren Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz ausgetauscht haben, einem Gegner Merkels und konservativen Hoffnungsträger. Zur eigentlich für 2012 geplanten Hamburg-Wahl, so der Plan, wollte man antreten. Konservativ und wirtschaftsliberal sollte das Profil sein.