Schade, an seinem Tag, dem 5. November, wurde Guy Fawkes in Frankfurt nicht gefeiert. Zwar herrschte beste Stimmung im Occupy -Lager unter dem blauen Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank, doch alle Unterstützer zeigten Gesicht: keine Maske zu sehen, die an den Mann erinnert hätte, der der Bewegung unverwechselbare Züge verlieh. Ist er womöglich out? Hat Guy Fawkes an Bindekraft verloren?

Die Maske steht für einen ziemlich bizarren Marketing-Erfolg, und dass daran ausgerechnet Margaret Thatcher schuld ist, bleibt nicht die einzige Volte dieser Geschichte. Die Galionsfigur der britischen Konservativen der Achtziger nämlich war es, die den Comic-Autor Alan Moore in eine helle Panik-Fantasie trieb: Sein Buch V for Vendetta spielt in einem totalitären Staat. Nie zeigt sich der anonyme Held ohne die Maske von Guy Fawkes, einem katholischen Söldner, der am 5. November vor 406 Jahren versuchte, das Londoner Parlament in die Luft zu sprengen.

Weil Comics von Alan Moore gute Geschäfte versprechen, hat Hollywood stets ein Auge darauf. Auch dieses Mal geht die Rechnung auf. V wie Vendetta , 2006 von den Brüdern Wachowski verfilmt, wird zum Kinohit, was eine besondere Form der Wertschöpfung nach sich zieht: Konsequentes Merchandising ist eine Spezialität des Vendetta -Lizenzinhabers Time Warner. Rasch reicht der Medienkonzern einige Verwertungsrechte an Rubie’s Costume Co., Inc., mit Firmensitz in New York weiter. Dies ist wiederum einer der größten Anbieter für Karnevals- und Halloweenprodukte weltweit, und so wird der gescheiterte Attentäter mit den rabenschwarzen Augenbrauen und dem messerscharf geschnittenen Ziegenbart in eine zweite und schließlich sogar in eine dritte Karriere befördert.

Ausgerechnet die Internetaktivisten von Anonymous verfielen 2008 auf die Idee, bei ihren Protestveranstaltungen gegen Scientology und Netzsperrungen mit Guy-Fawkes-Masken aufzutreten. Der große Schub aber setzte erst ein, als Mitte September die Occupy-Wall-Street-Besetzer mit den Zügen des Freiheitskämpfers Furore machten . Warum? Das kann sich bei der deutschen Rubie’s-Niederlassung in Bergisch Gladbach auch niemand so recht erklären. Man reagiert bei diesem Thema leicht verschnupft, liegen doch die Maskenrechte ausschließlich bei Rubie’s Amerika, Australien und Kanada. Die deutsche Tochter geht leer aus. Gefertigt wird der Artikel in Asien.

Bei den Bestellungen im Internet hat Amazon – natürlich – die Nase vorn. Dort ist die »Maske aus Kunststoff, Einheitsgröße für Erwachsene«, für 11,98 Euro zu haben. »Gut für Leute, die wach sind«, empfiehlt eine Rezensentin, nicht ohne den bangen Hinweis: »Hoffentlich kein Biphenol A enthalten«. Kaum einen scheint das gestört zu haben. Beobachter schätzen, dass inzwischen 100.000 Masken verkauft worden sind. Wer sucht, kann sie zum Kampfpreis von 8,95 Euro finden. Anleitungen zum Selberbasteln ergänzen das Sortiment. Auch beim Hamburger Ableger von Occupy sind nur noch hier und da Maskierte zu sehen. Allmählich scheint der Höhepunkt des Hypes überschritten. Nur David Loyd, der Zeichner von Alan Moores Comics, traut Guy Fawkes zahllose weitere Verwendungszwecke zu: Der Mann eigne sich »für jeden Protest gegen gefühlte Tyrannei«.