Eine Ölpest direkt vor den Toren der Nationalparks an Floridas Südspitze – dieses Horrorszenario sorgt derzeit für Schlagzeilen in den USA. Eineinhalb Jahre nach der Explosion der BP-Bohrplattform Deepwater Horizon gibt es einen neuen Boom bei der Erschließung von Ölquellen im Golf von Mexiko. Allein im Oktober hat die US-Regierung Genehmigungen für 13 neue Tiefseebohrungen ausgestellt. Eine davon ging erstmals auch wieder an BP – obwohl die entscheidende gerichtliche Auseinandersetzung um milliardenschwere Entschädigungszahlungen für die Ölpest noch nicht einmal begonnen hat.

Doch darum geht es in der aktuellen Diskussion nicht. Für Aufregung sorgt vielmehr eine Bohrung, die gar nicht im US-Hoheitsgebiet liegt. 40 Kilometer nördlich von Havanna – und 100 Kilometer vor Key West, dem südlichsten Punkt Floridas – soll Ende Dezember die Erschließung des ersten vor Kuba vermuteten Ölfelds Jagüey beginnen. Das Bohrloch würde 1.800 Meter unter dem Meeresspiegel beginnen – 300 Meter tiefer als das Macondo-Ölfeld, über dem die Deepwater Horizon explodierte. Käme es beim Anbohren von Jagüey zu einem Unfall, würde der starke Golfstrom innerhalb von Stunden Öl in die Everglades und an Miamis Strände spülen.

Scarabeo 9 heißt die riesige Bohrplattform, die vor Kuba zum Einsatz kommen soll. Derzeit wird sie über den Atlantik in Richtung Karibik geschleppt. Amerikanische Technik, die dort bisher in der Ölförderung dominiert, darf wegen des vor 50 Jahren über Kuba verhängten Wirtschaftsembargos maximal nur zehn Prozent betragen. Deshalb hat der italienische Ölkonzern Eni die Plattform in China bauen und in Singapur ausrüsten lassen. Mehrere andere Ölfirmen, etwa aus Norwegen, Indien, Venezuela oder Russland, wollen sie in den nächsten Jahren für Testbohrungen vor Kuba nutzen. Als erstes Unternehmen kommt die spanische Repsol zum Zug.

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»Die Plattform erfüllt die weltweit höchsten Sicherheitsstandards«, versichert Repsol-Sprecher Kristian Rix in Madrid, »die kubanischen Gesetze sind schärfer als die amerikanischen.« Washington sei darüber bestens im Bilde. Noch nie habe Repsol vor einer Bohrung derart viele Informationen an US-Behörden gegeben. »Wir müssten das eigentlich nicht machen«, sagt Rix. »Aber wir wissen, wie besorgt die Amerikaner sind.« Bevor Scarabeo 9 in kubanische Gewässer gelangt, wird Repsol deshalb sogar die U. S. Coast Guard für Kontrollen an Bord lassen.

Die Aufschrift »made in USA« wird sie dort nur auf einem einzigen technischen Gerät finden. Ausgerechnet die Bohrlochsicherung (blowout-preventer), genau jenes Ventil, dessen Versagen die Deepwater Horizon- Katastrophe ausgelöst hatte, stammt von einem US-Hersteller.

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Die größte Gefahr dürfte allerdings nicht von der eingesetzten Technik ausgehen, sondern hat eine rein politische Ursache: Käme es bei der Bohrung vor Kuba zu einem Unfall, dürfte keine amerikanische Rettungstechnik zum Einsatz kommen, – weil das Wirtschaftsembargo es verbietet. »Bevor eines unserer Spezialschiffe in kubanische Gewässer fahren darf, müssen zunächst verschiedene Ausnahmegenehmigungen beantragt werden. Ein tagelanger Papierkrieg«, weiß Jorge Piñon. Vor einem Ausschuss des Senats hat der kubano-amerikanische Ölexperte, der derzeit als Gastwissenschaftler an der Florida International University (FIU) forscht, deshalb auf die schnelle Verabschiedung eines Notfallplans mit Embargo-Ausnahmegenehmigungen gedrängt.

"Das untergehende kubanische Regime sucht verzweifelt nach einem Rettungsring"

Dagegen opponiert die einflussreiche exilkubanische Lobby, allen voran die auf Kuba geborene republikanische Abgeordnete Ileana Ros-Lehtinen aus Miami. »Das untergehende kubanische Regime sucht mit der Ölbohrung verzweifelt nach einem Rettungsring«, schreibt sie in einem von 34 Kongressabgeordneten unterzeichneten Brief an den Repsol-Vorstandsvorsitzenden und droht mit »straf- und zivilrechtlichen Folgen«, falls das spanische Unternehmen nicht von seinem Bohrvorhaben abrücke.

Doch die Mehrheit der kubanischen Exilgemeinde denkt längst anders. Eine im Oktober vom Cuban Research Institute der FIU abgeschlossene repräsentative Befragung zeigt, dass inzwischen knapp 60 Prozent der etwa eine Million Exilkubaner rund um Miami die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, einen direkten Dialog mit der kubanischen Regierung und uneingeschränkte Reisefreiheit befürworten. Nur noch jeder Fünfte glaubt an die Wirksamkeit des Wirtschaftsembargos.

In der Praxis wurde es in den vergangenen Jahren ohnehin aufgeweicht. Täglich landen drei bis vier Direktflüge aus Miami im gerade mal 350 Kilometer entfernten Havanna, auch andere Flughäfen im Süden der USA haben Sondergenehmigungen für Heimatflüge von Exilkubanern. Selbst US-Bürger dürfen die Charterflugzeuge nutzen, wenn sie als Wissenschaftler oder Geschäftsleute beruflich in Kuba zu tun haben. Nur Touristen müssen nach wie vor den Umweg über Kanada oder Mexiko nehmen.

Vor allem die jüngeren, in den USA geborenen oder seit den neunziger Jahren legal eingewanderten Exilkubaner setzen auf Wandel durch Annäherung. Das gilt auch für den Ölexperten Jorge Piñon, der als Kind mit seinen Eltern von Havanna nach Miami gekommen war. »Es gibt einen Generationswechsel – bei uns und auch in Kuba«, sagt er.

Im Beginn der kubanischen Ölförderung sieht er deshalb nicht nur Gefahren, sondern vor allem auch eine große Chance für die Zukunft der seit 50 Jahren verfeindeten Nachbarn. Denn für beide steht viel auf dem Spiel. Vor Kuba liegen die am besten erhaltenen Korallenriffe der Karibik, Badetourismus ist sowohl für die Insel als auch für Florida der wichtigste Wirtschaftszweig. »Das gemeinsame Interesse an einer sauberen Karibik könnte die Brücke zu einer neuen Kultur der Zusammenarbeit werden«, hofft Piñon.

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