Sie nahmen sich, was möglich war

Hier kommt Michael Lewis, ökonomischer Kriegsberichterstatter. Der amerikanische Autor und Ex-Banker ist immer da, wo der Kapitalismus das Schlechteste in den Menschen hervorbringt, die Gier, die Übersteigerung, anschließend das Selbstmitleid. Als junger Bankangestellter erlebte und beschrieb er in den achtziger Jahren zum ersten Mal, wie seine Kollegen das große Rad mit Schrottanleihen drehten, die damals noch Junk Bonds hießen. Über den Wahnsinn im Umgang mit Hypotheken, der 2008 zur großen Finanzkrise führte, schrieb er abermals das beste, das unterhaltsamste Buch .

Wohin reist der ökonomische Kriegsreporter heute? Nach Europa . Das Ergebnis ist eine Sammlung seiner Besuche in Buchform. Bevor man einsteigt, muss man noch etwas wissen über diesen Mann. Er übertreibt gerne, seine Figuren sind Schurken (oft) oder Helden (selten), sie sind furchtbar schlau (selten) oder unheimlich dumm (oft). Und auch ganze Völker über einen Kamm zu scheren, davor scheut Lewis nicht zurück. Man kann sich als Isländer, Grieche, Ire oder auch Deutscher deshalb trefflich ärgern und das neue Buch weglegen. Oder aber man amüsiert sich einfach, wie Lewis uns Deutschen eine merkwürdige Fixiertheit aufs Schlammcatchen unterstellen will. Und im Ernst erkennt man dabei, was der Mann aus Übersee uns eigentlich vor Augen führt.

Zum Beispiel, dass der griechische Staat nach fast zehn Jahren Euro-Zugehörigkeit eine Buchhaltung pflegte wie ein Drittweltland. Oder dass die Griechen ihre Ausgaben für öffentliche Angestellte in nur zwölf Jahren verdoppelten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass man in einem solchen Job dreimal so viel verdienen konnte wie durchschnittlich im privaten Sektor. Kein Wunder auch, dass Griechenland mit seiner maroden Bahn billiger davonkäme, würde es alle Passagiere Taxi fahren lassen und die Bahn dichtmachen. Michael Lewis kommt aus dem Staunen nicht heraus. In Härtejobs konnte ein griechischer Mann lange mit 55 in die üppige Rente gehen – nichts Besonderes. Besonders war, dass es mehr als 600 Berufe schafften, als so hart anerkannt zu werden, darunter Kellner und Radiosprecher. "Wo Verschwendung endet und Betrug beginnt, spielt praktisch keine Rolle", erklärt der Besucher aus einer anderen Welt. Amtsvertreter, Ärzte und andere Staatskräfte zu schmieren sei sowieso normal gewesen.

Als 2009 die Regierung wechselte, belief sich die aktuelle Defizitschätzung auf 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwei Wochen später musste der neue Finanzminister schon auf über zwölf Prozent gehen, weil der Staat ein unerschöpfliches Reservoir bis dato ungemeldeter Verschwendung hatte. Die Zahl stieg dann noch weiter.

Einzelne Daten und Begebenheiten hat man schon mal gehört. Hier sind sie gnadenlos miteinander verwoben und ergeben das Bild einer Gesellschaft, in der die meisten schummelten, so gut sie konnten, Angestellte, Unternehmer, Sparer, Religionsvertreter, der Staat vorneweg. Hätte man etwa alle steuersündigen Ärzte eingesperrt, das Land hätte gar keine Gesundheitsversorgung mehr gehabt. Doch lieber hielt die Politik vor allem im Wahljahr die wenigen Fahnder zurück. Einer von ihnen sagt: "Es wurde zu einem Kulturmerkmal. Die griechischen Bürger haben nie gelernt, ihre Steuern zu bezahlen." Die griechische Wirtschaft gelte zwar als kollektivistisch, so Lewis, aber beim Umgang mit öffentlichem Geld gelte das Gegenteil: Jeder für sich.

Kann man darüber reden, ohne nationale Ressentiments ins Leben zu rufen? Man muss. Wie sonst will man die griechische Tragödie, die eine europäische ist, verstehen. In dieses System floss zwischen 2002 und 2007 eine Unmenge billiges Geld. Billig, weil Griechenland im Euro war und die Finanzmärkte kaum einen Unterschied machten zwischen der Kreditwürdigkeit Athens und Den Haags. Billig auch, weil die Notenbank der USA die Welt mit billigem Geld geflutet hatte, das irgendwo eine Anlage suchte. Die Griechen mussten sich in ihrer merkwürdigen Wirtschaftsweise vom Markt bestätigt fühlen. Gleichzeitig ahnten wohl viele, dass ihr Glück nicht andauern könnte – und nahmen sich, was möglich war.

Michael Lewis reist auch nach Irland , in dem die wohl dümmsten Banken der Welt (ja, noch dümmer als die deutschen Landesbanken) jeden noch so absurden Immobilienkredit gewährt hatten. Auch die Iren feierten die große Geldparty, doch auf den Kater reagierten sie ganz anders als die Miteuropäer. Kaum jemand protestierte gegen die harten Sparmaßnahmen, die allermeisten nahmen es als selbstverständlich hin, dass die Gesellschaft geradesteht für die im Maßstab der Wirtschaftsgröße absolut horrenden Schulden ihrer großen Banken. Viele ausländische Investmentbanken hatten auch Geld im irischen Spiel – und erhalten nun all ihr Geld zurück, obwohl sie in einer gerechten Welt einen Teil des Risikos selbst tragen müssten. So aber zahlt der Staat, zahlen auf Dauer natürlich die Bürger.

Der Euro als Anfang vom Ende – das will keiner

Vielleicht gibt es ein besseres Wort als "Kultur" für die gesellschaftlichen Gewohnheiten, Handlungsroutinen, ökonomischen Usancen eines Landes. Aber eines ist klar: Sie haben sich über lange Zeit entwickelt und lassen sich nicht über Nacht ändern. Bei Lewis sieht man noch einmal, wie unterschiedlich diese Kultur in Euroland ausfällt. Man erkennt auch, dass der Euro mit seinem billigen Geldangebot diese Unterschiede erst komplett ausblendete und dadurch später umso stärker hervortreten ließ.

Vor allem lässt sich das an Deutschland zeigen, das sich jeder Party verweigerte, brav in Athen und Dublin investierte. Bei Lewis kommen die Deutschen am Ende zwar gut weg, mit einem Sinn für wirtschaftliche Realität und öffentliche Moral. Aber klar wird auch, dass sie eine andere Kultur haben, die sie nun begreiflicherweise zögern lässt, einfach griechische oder italienische Schulden in jeder Höhe zu garantieren. Sie wollen nicht die Dummen sein.

Lewis ist zum Schluss zu Hause in den USA unterwegs und zeigt, wie auch dort viele Gruppen den Staat planmäßig ausgebeutet haben, sodass viele Kommunen heute vor der Pleite stehen oder diese längst vollziehen. Dagegen wirkt das Finanzdesaster nordrhein-westfälischer Städte wie ein Kindergeburtstag. Auch vor dieser Schablone also wirken die Deutschen noch als Saubermänner des Westens.

Die Frage ist bloß, wie in Europa die unterschiedlichen Länder eine stabile Währungseinheit bilden sollen. Wie es gut gehen soll, dass die einen so viel Solidarität einfordern und die anderen zögern, sie zu leisten. Der Harvard-Historiker Niall Ferguson schreibt diese Woche im Spiegel, überfordert vom Euro, drohe die Gemeinschaft der Alten Welt sich langsam aufzulösen. Und die Frage aller Fragen ist natürlich, wie Europa dieses Schicksal vermeiden kann. Der Euro als Anfang vom Ende – das will schließlich keiner.

Lewis hat als Ausweg nur Sparwillen und amerikanischen Optimismus zu bieten. Aber vielleicht reicht das in Europa nicht. Vielleicht überfordert Griechenland zwar nicht die europäische Kasse, wohl aber die europäische Solidarität. Vielleicht würden die anderen Länder schon enger zusammenstehen, wenn ihr fremdestes Mitglied eine Weile den Währungsraum verlassen würde. Wenn außerdem – ironischerweise erzwungen durch die als böse geltenden Finanzmärkte – in Italien wieder politische Tatkraft herrschte und die Demokratie besser funktionierte. In jedem Fall muss Europa zu seinen gravierenden, nur über Generationen einzuebnenden Unterschieden stehen. Noch einmal zu hoffen, wie beim Vertrag von Maastricht, ein paar Regeln machten alle Mittelmeeranrainer, ökonomisch-kulturell gesprochen, schon zu Nordländern, wäre wohl der sichere Weg zum großen Konflikt und zu allmählicher Auflösung.

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