DIE ZEIT: Man hört viel von der Erbengeneration. Gibt es auch eine Generation der Erbschleicher?

Schwester Bernadette: Das Phänomen wird unterschätzt. Die Leute werden immer älter, viele leben allein in ihrer Wohnung, sind auf fremde Hilfe angewiesen. Viele haben Vermögen. Das ist ideal für Erbschleicher. Die meisten Fälle kommen nie an die Öffentlichkeit, weil sie juristisch schwer greifbar sind.

ZEIT: Was genau fällt unter Erbschleicherei?

Schwester Bernadette: Wenn jemand auf unlautere Weise an einen Nachlass herankommen und andere mögliche Erben ausschalten will.

ZEIT: Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Schwester Bernadette: Ich habe bei meiner seelsorgerischen Arbeit in einer Münchner Pfarrei eine sehr selbstbewusste ältere Dame kennengelernt. Sie hatte eine schwere Lungenkrankheit, ließ sich aber nicht unterkriegen. Und sie hatte ein großes Netz an Freunden und Verwandten. Ihre nächsten Angehörigen, Mann und Sohn, waren allerdings schon verstorben.

ZEIT: Wer wollte dann an ihr Geld?

Schwester Bernadette: Ein Mann Mitte 30, also viel jünger als sie. Er tauchte plötzlich in ihrem Leben auf. Sie veränderte sich, brach den Kontakt zu ihren Freunden und Angehörigen ab, ging nicht mehr ans Telefon, öffnete nicht mal ihre Post. Nur zu mir hielt sie Kontakt. Was der Mann im Schilde führte, kam erst heraus, als sie gestorben war. Da erfuhren wir, dass er ins Krankenhaus einen Notar mitgenommen hatte, um noch schnell alles beurkunden zu lassen. Sie war noch nicht unter der Erde, als er schon die Wohnung ausräumte und ihre Habe in einen Container warf, Tagebücher, Fotos, alles. Es war furchtbar.

ZEIT: Wie konnte die Frau so auf ihn hereinfallen?

Schwester Bernadette: Das ist mir auch schleierhaft. Sie war eigentlich überaus vorsichtig, las jedes Formular x-mal durch, ehe sie unterschrieb. Aber diesem völlig fremden Menschen, der sich in ihr Leben gedrängt hatte, schenkte sie ihr Vertrauen.