Es ist das Bewegungsgesetz dieser Schuldenkrise . Sobald ein Hindernis beseitigt ist, kommt ein noch größeres in den Blick. Doch so schnell wie jetzt lösten sich Hoffen und Bangen noch selten ab. Das Berlusconi-Italien kriegt kein Geld mehr auf den Finanzmärkten – eine Bedrohung für die Welt. Dann geht der furchtbare Premier tatsächlich – große Erleichterung. Mit Mario Monti soll der Wunschkandidat als Nachfolger kommen – noch größere Erleichterung?

Weit gefehlt: Schon bangt die Welt wieder, weil nun die ungeheure Größe der italienischen Herausforderung sichtbar wird. Das belegen schon die nackten Zahlen. Jedes Jahr braucht der drittgrößte Schuldner der Welt rund 300 Milliarden Euro neues Geld. Die Märkte verlangen dafür zu hohe Zinsen. Und selbst der europäische Rettungsfonds könnte Italien allenfalls ein bis zwei Jahre finanzieren. Dann wäre er selbst am Ende. Nicht nur Italien muss sich also schnell etwas einfallen lassen, sondern auch Europa. Nicht nur Monti, sondern auch Merkel.

Am Mittelmeer muss eine mittlere Revolution stattfinden

Einen italienischen Bankrott kann sich niemand leisten. Für die westliche Welt wäre er gleichbedeutend mit der nächsten Finanz- und Wirtschaftskrise , nur schlimmer als das Chaos nach der Lehman-Pleite 2008. Deutsche Finanzinstitute wären mittendrin. Allein die Allianz, die für viele Bundesbürger die Altersvorsorge verwaltet, hat den Italienern gut 25 Milliarden Euro gegeben. Zum Vergleich: Griechenland schlägt beim Münchner Versicherungskonzern mit weniger als einer läppischen Milliarde zu Buche.

Finanzmärkte haben eine merkwürdige Art, ihr Unbehagen zu zeigen. Lange ließen sie Italien gewähren, doch jetzt gelten seine Anleihen als Gift. Die Zinsen schnellen in die Höhe und machen dem nahenden Retter seine Aufgabe umso schwerer. Mario Monti hat die Finanzwelt ausgerechnet um das gebeten, was sie am wenigsten aufbringen kann: um Geduld. Die Zeit läuft ihm schon davon, noch bevor er sein Amt überhaupt angetreten hat. Und selbst wenn er alles richtig macht, kann schon ein kleiner Schreckmoment den italienischen Absturz bedeuten. Die Angst frisst sich durch Europa, wie Anfang dieser Woche Spanien und selbst Frankreich zu spüren bekamen, als auch ihre Zinsen abrupt stiegen.

Vor welcher Herausforderung Euroland steht, das hat der deutsche Sachverständigenrat vergangene Woche vorgeführt. Die Professorin Beatrice Weder di Mauro und ihre männlichen Kollegen verlangen nicht bloß, dass Mitgliedsstaaten in ihrer Verfassung der Schuldenmacherei abschwören. Sie brechen auch mit dem deutschen Tabu, dass ein Staat nicht für die Schulden des anderen einstehen soll. Vielmehr soll Euroland alle übermäßigen Schulden gemeinsam bedienen und langsam abbauen. Geht nicht anders, sagen die Experten der Bundesregierung, unter härtesten Auflagen für die Schuldenländer, zwei Jahrzehnte lang. Erst dann könne auch Italien gesunden.

Vor dieser Blaupause wird klar: Es reicht nicht, dass der Not-Premier Monti übergangsweise spart und flexibilisiert. Anders als die Griechen können die Italiener mit ihrer starken Industrie und ihren hohen Privatvermögen die Wende schaffen, aber sie müssen sie dauerhaft wollen und dann auch wählen. Blut und Tränen seien vielleicht nicht nötig, Opfer aber schon, so wird Monti zitiert – hoffentlich sehen das seine Landsleute, die nun mehr Steuern bezahlen und länger arbeiten sollen, genauso.