In welchem Jahrhundert lebt diese Stadt? Vor dem Tor der größten ägyptischen Textilfabrik spielt die Szene, von der einst Soz-Art-Filmemacher träumten. Massive Sandsteinhochhäuser, beflaggt mit den ägyptischen Nationalfarben, Fabriktore wie Wachhäuser, durch die die werktätigen Massen nach Hause strömen – im sanften Abendlicht. Als wir überwältigt die Kameras zücken, kommen zwei Männer auf uns zu. »Fotografieren verboten!« Sie führen uns ins Büro des Sicherheitschefs der Ghazl Mahalla – der Misr-Spinnerei- und Webfabrik. Er hebt nicht einmal den Kopf hinter seinem gigantischen Schreibtisch. Die Fabrik besichtigen? »Da müssen Sie erst mal einen Antrag beim Ministerium in Kairo stellen. Das dauert.« Wie in der guten alten Zeit.

Das Misr-Kombinat – das ist Ägyptens Stolz, das ist Ägyptens berühmte Baumwolle, das ist Ägyptens Überleben in wirtschaftlich dramatischen Zeiten. Die Wirtschaft schrumpft. Der Tourismus liegt am Boden , weil die Ausländer aus Angst vor der Revolution Ägyptens ruhige Küsten meiden. Die Textilproduktion ist eingebrochen, seitdem Misr mit billiger Baumwolle aus China arbeitet. Streiks und Transportausfälle haben den Ausstoß weiter gesenkt.

Die Misr-Arbeiter sind berühmt und gefürchtet für ihren Zorn. Davor haben die Fabrikdirektoren genauso Angst wie die Mächtigen in Kairo. Hier steht die Wiege der Revolution von 2011. Wie aber steht es um die Wut der Werktätigen, jetzt, da in zwei Wochen Parlamentswahlen anstehen? Wem werden die Arbeiter ihre Stimme geben?

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Nicht weit vom Werkstor entfernt beginnen die Müllhalden von Mahalla al-Kubra. Sie ziehen sich die Sandstraßen entlang. Bürgersteige gibt es nicht, auch sonst nichts Bürgerliches. Frauen mit Plastiklatschen, Männer in Kaftanen, Esel mit kleinen Wägelchen, alte japanische Limousinen, Kleinbusse und klapprige Motorrikschas, Toktok genannt, quälen sich über Schlaglochpisten und Schuttstraßen. Staub klebt an Lippen und Haaren. Mahalla al-Kubra ist eine Ansammlung grauer unverputzter Wohntürme mit insgesamt einer halben Million Einwohnern. Die meisten können sich höchstens den Minibus leisten oder die Rikscha. Der Toktok-Fahrer bietet seinen Gästen die Bank unterm Verdeck an, dahinter riesige Lautsprecher, die das Trommelfell der Reisenden massieren. Toktok-Fahrer konkurrieren um den lautesten Sound und die bunteste Rikscha. In so einem Vehikel geht es für ein paar Cent zum ersten Treffen mit Hamdi Hussein, einem Arbeiter, der gerade in Pension gegangen ist. Vor seinem Haus kleben die Fliegen auf Rinderblutresten vom Opferfest Anfang November. Unter einem Rindergalgen im Eingang gehen wir hindurch in sein kleines Büro.

Hamdi Hussein bleibt auch als Rentner immer noch Aktivist. Braune Strickjacke und Hose, beige Sandalen, so sitzt er vor Plakaten, die Che Guevara, ägyptische Kommunistenführer und natürlich Gamal Abdel Nasser zeigen, Oberst und Führer Ägyptens in den revolutionären Sechzigern. Hamdi Hussein saß dreizehn Mal im Gefängnis für das Organisieren von Streiks. 1988 ließ er ein Foto Hosni Mubaraks auf einer Totenbahre durch die Stadt tragen. Dafür haben sie ihn gefoltert. Wo immer er auftauchte, gab es Unruhe. Vor gut sechs Jahren stiftete Hussein die großen Streiks im Misr-Kombinat mit an. »Damals begann die Revolution«, sagt er. Zelte auf dem Fabrikgelände, Sit-ins in den Produktionshallen, Fahnen und Protestgesänge. »Das wurde zur Erfolgsintifada«, freut er sich. Mit jedem Streik gab der Staat ein wenig nach, erhöhte den Lohn um ein paar ägyptische Pfund für jeden der 27.000 Misr-Arbeiter. Misr setzte den Standard für die anderen Fabriken.