Vielleicht wäre ohne diesen einen Zeitungsartikel rein gar nichts passiert. Vielleicht wüsste heute niemand etwas mit dem Schlagwort »Dönitz-Affäre« anzufangen, und womöglich wäre der Direktor des Städtischen Gymnasiums der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Geesthacht an der Elbe bei Hamburg, Georg Rühsen, am Ende friedlich in Ruhestand gegangen und wäre fortan noch lange durch die Geesthachter Innenstadt geschlendert, nach links und rechts einstige Schüler grüßend, statt allzu früh auf dem örtlichen Friedhof zu liegen. Ganz gewiss aber hätten sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 13a des Otto-Hahn-Gymnasiums – wie das Städtische Gymnasium heute heißt – ein anderes Thema gesucht, um an dem jährlichen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilzunehmen, dessen Aufgabe diesmal lautete: »Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale«.

Doch getragen von Begeisterung und Stolz über das, was sich am 22.Januar 1963 in ebendiesem Gymnasium seiner Stadt ereignet hatte, setzte sich tags darauf der Redaktionsleiter der Bergedorfer Zeitung, Karl Mührl, an die Schreibmaschine und lobte in höchsten Tönen, was er hatte erleben dürfen: Der ehemalige Großadmiral Karl Dönitz, vom »Führer« und Reichskanzler Adolf Hitler im April 1945 persönlich zum Nachfolger bestimmt, hatte anderthalb Stunden vor Schülern und Lehrern des Gymnasiums gesprochen, ohne dass eine Frage zu seiner Rolle im »Dritten Reich« gestellt worden war. Auch seine politischen Thesen konnte der Großadmiral ausführlich ausbreiten. Natürlich, so hatte der 1946 in Nürnberg verurteilte Kriegsverbrecher ausgeführt, dürfe kein Soldat wegen Beteiligung an einem Angriffskrieg vor Gericht gestellt werden, und selbstverständlich sei es selbst in aussichtsloser Lage die Pflicht eines jeden Soldaten, weiterzukämpfen. Redaktionsleiter Mührl bilanzierte ergriffen, die Veranstaltung sei »Geschichtsunterricht in höchster Vollendung« gewesen. Aber auch der Großadmiral habe sich sehr angetan gezeigt. »Wir spürten es: Karl Dönitz hatte seine helle Freude an dieser Jugend.«

Die Sonderseite in der Samstagsausgabe machte die Runde. Bald fragten sich kritischere Journalistenkollegen: Wie kann es sein, dass ein Kriegsverbrecher vor Schülern sprechen durfte? Warum hat während der Veranstaltung niemand eine Frage gestellt, und wie ist es zu erklären, dass es auch hinterher in der Schule keinerlei Diskussionen über den spektakulären Auftritt gegeben hat?

Die Fernsehsendung Panorama berichtete, es berichteten der Spiegel, der stern – und vorneweg die ZEIT. In Paris nahm sich Le Monde des Vorfalls an, im britischen Unterhaus folgte eine parlamentarische Anfrage. Und die kleine Stadt an der Elbe rückte mit einem Schlag in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Hier allerdings drehte man unversehens den Spieß um: Nicht der Auftritt des NS-Admirals sei das Skandalöse, sondern die Verunglimpfungen ehrbarer Lehrer und verdienter Politiker durch die tendenziöse Linkspresse.

»Der Fall Dönitz ist bei uns an der Schule zwar nicht totgeschwiegen, aber auch nicht aufgearbeitet worden. Man hat sich nicht mehr groß darum gekümmert«, sagt die Geesthachter Lehrerin Susanne Falkson, die das Geschichtsprojekt leitete, mit dem ihre Klasse nun einen der fünf ersten Preise im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen hat. Ihre Schülerin Simone Callies stimmt zu: »Wir hatten davon noch nie gehört und waren entsprechend überrascht – und sehr begeistert, uns mit etwas beschäftigen zu können, was uns direkt angeht: der eigenen Schule.« Und Mitschülerin Luise Jacobs ergänzt: »Schnell haben wir uns gefragt, was der eigentliche Skandal ist: War es die Einladung selbst, war es die Art der Veranstaltung, war es das, was hinterher passierte, oder war es generell die Art und Weise, sich nicht mit der jüngeren Geschichte auseinanderzusetzen?«

Die 17 Schülerinnen und 5 Schüler zogen los, Antworten zu finden. Von Dönitz’ Auftritt gibt es keinen Mitschnitt, nur ein sehr rudimentäres Gedächtnisprotokoll. Also stöberten sie in Archiven und Klassenbüchern von damals; befragten Historiker und ehemalige Schüler und mussten dabei auch akzeptieren, dass einige Lehrer von damals nicht bereit waren, ihnen Auskunft zu geben. Zugleich veranstalteten sie einen Abend zum Thema mit Zeitzeugen und Interessierten. Das Ergebnis ist eine äußerst kompetente Arbeit, die sowohl die Ereignisse selbst wie das politische Umfeld jener Tage beleuchtet. Denn da war ja nicht nur der Dönitz-Auftritt. Da gab es auch Dönitz’ alte Kameraden, Lehrer wie Dr. Friedrich Seekel: Mitglied der SS und des SD, ein Mann, der in Weißrussland am Holocaust beteiligt gewesen war.

Zwei Unterrichtsstunden pro Woche standen den Schülern ein Halbjahr lang für ihre Recherchen zur Verfügung. Entsprechend viel Freizeit haben sie in ihr Projekt gesteckt. Ansporn war dabei auch ein Zeitungsartikel, den ihnen ihre Lehrerin anfangs zu lesen gab. »Ein Aufsatz aus der ZEIT mit der Überschrift Die zahnlose Elite«, sagt Luise Jacobs und lacht. »Darin wurde behauptet, unsere Generation sei zwar hochkompetent – aber ohne Standpunkt, ohne jede eigene Meinung.« Das hat sie alle mächtig geärgert, entsprechend engagiert gingen sie an die Arbeit.

 

Und da hieß es dann oft, in anderer Hinsicht kritisch und standhaft zu bleiben. »Immer wieder«, berichtet Jacobs’ Mitschülerin Linette Persiel, »hatten wir die Stimme unserer Lehrerin im Ohr, die uns sagte: Wahrt Distanz, haltet Abstand – und wenn ihr berichtet, bleibt im Konjunktiv.« Das sei ihnen in der Begegnung mit den Zeitzeugen anfangs nicht immer leichtgefallen. »Besonders bei denen, die sehr reflektiert waren, die bildhaft erzählen konnten, die fast charismatisch wirkten. Auch da mussten wir immer vorsichtig sein und berücksichtigen, dass es Erinnerungen waren, von denen sie sprachen. Wie leicht spielt einem das Gedächtnis einen Streich!«

Beschäftigt hat die Jugendlichen auch das Schicksal des damaligen Direx. »Im Geesthachter Gymnasium«, hatte der Reporter Kai Hermann seinerzeit in der ZEIT geschrieben, »nimmt der Direktor der Schule, Dr. Rühsen, die Lagemeldungen seiner Getreuen entgegen.« Diese satirische Stilisierung des Schulleiters zu einer Art Kommandant erscheint den Schülern heute zu hart. »Nach allem, was wir in Erfahrung bringen konnten«, resümiert Simone Callies, »war der Direktor überhaupt kein Militarist, kein Nazi. Er muss eher so etwas wie ein Feingeist gewesen sein, der wohl nur ziemlich naiv war und dem das alles über den Kopf wuchs.«

Tatsache ist, dass Rühsen, nur wenige Tage nachdem der Dönitz-Auftritt zum Skandal geworden war, verschwand. Im Frühjahr barg man seine Leiche aus dem Wasser der Elbe. In der Todesanzeige der Schulleitung ist von »tragischem Geschick« zu lesen. Es gab an der Schule keine Trauerfeier, keine Gedenkminute. Niemand redete im Kollegium darüber, niemand sprach mit den Schülern. »Von heute aus gesehen, einfach unfassbar«, meint Linette Persiel.

Dass die Forschungsarbeit nun auf so viel Interesse stößt, hängt aber nicht zuletzt mit einer weiteren Figur der Affäre zusammen: mit Uwe Barschel. Denn der spätere CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, der 1987, tief in eine bizarre politische Affäre verstrickt, in Genf Selbstmord beging, war 1963 Schulsprecher am Geesthachter Gymnasium und hatte die Einladung an Dönitz maßgeblich mit eingefädelt; ein Foto zeigt ihn, wie er vor dem Großadmiral strammsteht und ihn mit Handschlag begrüßt.

Schon damals, so berichten die Schülerinnen, soll er sehr »karriereorientiert« gewesen sein. Über den Dönitz-Besuch hat er sich nie geäußert. Allerdings war die Einladung keine bloße Jugendsünde. Denn als Dönitz im Dezember 1980 starb, nahm Barschel an der Beisetzung teil. Da war er schon Innenminister von Schleswig-Holstein. Es scheint also echte Bewunderung im Spiel gewesen zu sein. Allerdings darf man nicht vergessen, dass er auch seine Wähler stets im Blick behielt – und Schleswig-Holstein galt ganz besonders als stilles Reduit ehemaliger Nazis.

An diesem Freitag nun wird Bundespräsident Christian Wulff im Schloss Bellevue den Preis überreichen. 3631 Schüler haben sich (allein oder in der Gruppe) an dem Wettbewerb beteiligt, der 1973 von Bundespräsident Gustav Heinemann und dem Hamburger Unternehmer Kurt A. Körber gegründet worden ist und nach wie vor von der Körber-Stiftung mitgetragen wird; fünfzig Preise werden jetzt in Berlin verliehen, davon fünf Erste Preise. Es sind Arbeiten zu allen Epochen, und nicht nur der Beitrag aus dem Gymnasium in Geesthacht zeigt, dass man sich um die historische Forschung der Zukunft so wenig Sorgen zu machen braucht wie um den kritischen Geist der Jugend.