DIE ZEIT: Professor Tarrach, Sie sind Spanier mit deutschen Wurzeln, haben in der Schweiz geforscht und sind heute Rektor der Universität Luxemburg . Ist Heimatlosigkeit eine Grundvoraussetzung, um heute als Wissenschaftler erfolgreich zu sein?

Rolf Tarrach: Sie tun so, als ob mein Lebenslauf der Normalfall wäre. Aber schauen Sie sich mal die deutschen Universitäten an. Da gibt es vermutlich kaum einen im Ausland geborenen Rektor.

ZEIT: Und, ist das ein Problem?

Tarrach: Ich glaube, ja. Gerade habe ich in der Jury des Preises für Hochschulkommunikation mitgemacht. Das Thema lautete "Die weltoffene Hochschule", es ging um Konzepte gelungener Internationalisierung. Das, was wir an Wettbewerbsbeiträgen vorgelegt bekamen, war zahlenmäßig überschaubar.

ZEIT: Das klingt pessimistisch. Wir hier in Deutschland haben das Gefühl, in den vergangenen zehn Jahren einen Riesensprung nach vorn gemacht zu haben dank Exzellenzinitiative und zusätzlicher Milliarden zumindest für die Forschung.

Tarrach: Das haben Sie auch. Die Exzellenzinitiative ist zum Vorbild für andere Länder geworden, Spanien etwa oder Frankreich. Die technische Ausstattung der Labore und Forschungsanlagen hat inzwischen Weltniveau. Und während der Rest der Welt sparen muss, gibt Deutschland jedes Jahr mehr aus für Wissenschaft und Forschung. Nur: Schlagen die Universitäten schon ausreichend Kapital daraus? Was ist mit all den europäischen Doktoranden und Postdocs in den USA, die nach Hause wollen, aber in ihren eigenen Ländern keine Chance haben? Nach Deutschland kommen die bislang viel zu selten.

ZEIT: Und woran liegt das? 

Tarrach: Das hat mehrere Gründe. Der geringste ist noch die Komplexität der deutschen Forschungslandschaft. Da haben sie die Universitäten, die Technischen Universitäten, die Fachhochschulen und Berufsakademien. Dann die Forschungsinstitute von Max Planck über Fraunhofer bis Leibniz . Da braucht ein Ausländer eine Weile, um durchzusteigen. Viel dramatischer aber ist: Die Professoren hierzulande sind fast alle deutsch – zumindest in den Universitäten. Da gibt es viel zu wenig Vielfalt. Doch mehr Vielfalt bringt oft mehr Qualität.

ZEIT: Wieso das?

Tarrach: Wenn Sie den jeweils Besten im Fach suchen, macht es die Angelegenheit doch ziemlich eng, wenn man nur unter Wissenschaftlern aus dem eigenen Land auswählt.

ZEIT: Und wenn sich nur Deutsche bewerben?

Tarrach: Das ist der Denkfehler. Wenn Sie den Anspruch haben, die exzellentesten Köpfe weltweit zu bekommen, dann müssen sie als Rektor selbst zum Telefon greifen und die potenziellen Kandidaten anrufen, auch wenn sie in Singapur sitzen. Natürlich müssen Sie denen dann auch etwas bieten, und da liegt das Problem: An vielen deutschen Unis löst es immer noch Konflikte aus, wenn der eine Professor deutlich mehr verdient als der andere.

ZEIT: Das Beamtenrecht lässt das doch gar nicht zu.

Tarrach: Das stimmt mit der W-Besoldung und den dadurch möglichen Zuschlägen längst nicht mehr. Aber Sie haben trotzdem recht: Natürlich reden wir auch über Geld, und natürlich haben es deutsche Unis schwer, weil sie im internationalen Vergleich unterfinanziert sind. Darum bin ich – das nur nebenbei gesagt – so verwundert gewesen darüber, dass die Deutschen peu à peu die Studiengebühren wieder abgeschafft haben. Das ist doch widersinnig. Im Übrigen aber schaffen es schon jetzt einige wenige Universitäten trotz ihrer knappen Budgets hervorragend, Spitzenwissenschaftler ins Land zu holen.