Im Stechschritt und mit geschulterten Spielzeugwaffen marschieren zwei jugendliche Demonstranten vor dem Eingang einer Großbank auf und ab. Sie lachen sich fast tot. Protestieren als Plausch. Es ist der vierte Samstag der Occupy-Bewegung am Zürcher Paradeplatz. Skandiert und geschrien wird wenig, es ist eine gemütliche Kundgebung von vielleicht 500 Köpfen. Sie wollen »Menschen retten, nicht Banken«. Das ist vielleicht ihr bekanntester Slogan, und er ist so herzenslieb, dass er auch den Banken erlaubt, nett zu sein und die unbewilligten Demonstrationen vor ihren noblen Hauptsitzen zu dulden.

Ihre durchaus berechtigte Kritik bringt diese Bewegung zumindest in Zürich so unbestimmt und zahm vor, dass die Kritisierten damit noch Imagepflege in eigener Sache betreiben können. Als glaubten die Demonstranten selbst nicht mehr an die Wirkung von Kritik. Als sei sie ihnen letztlich peinlich. Als gehe es eher darum, einen Anlass zu haben, um Gleichgesinnte zu treffen. Das Vereinende scheint wichtiger als das Trennende, Harmonie und Wohlgefallen dringlicher als harte Opposition und Debattenkultur.

Doch immerhin protestieren sie. Von jenen, die man in grauer Vorzeit als Intellektuelle bezeichnete, weil sie Schwarz und Weiß auseinanderhalten und benennen wollten, hört man dagegen kaum etwas. Dazu zählten einst Professoren und Journalisten, die ihren Beruf ernst nahmen, aber auch Schriftsteller, die als unabhängige Mahner auftraten. Will man sie nicht mehr hören? Überlässt man das Feld inzwischen kampflos den Populisten und schrecklichen Vereinfachern oder eben den unbedarften Verniedlichern?

Tatsächlich wird man nachdenklich, wenn heute kluge, fundierte Streitschriften fast ohne Resonanz bleiben, während der wohlgemeinte, aber zahnlose Empörungsappell des greisen Diplomaten Stéphane Hessel auf den Bestsellerlisten landet. Doch macht es sich zu einfach, wer dem Lesepublikum unterstellt, es wolle nur noch unterhalten und von Rührung überwältigt werden, statt sich auf konkrete Missstände einzulassen. Vielmehr sind es die Schriftsteller selbst sowie die Textvermittler, die sich von einer intervenierenden Literatur losgesagt haben. Wen wundert’s, dass sich in keinem der nominierten Werke für den aktuellen Schweizer Buchpreis zumindest eine gewisse Irritation mitteilt über die dramatische Banken- beziehungsweise Schuldenkrise, deren Folgen nicht nur Griechenland oder Italien, sondern immer intensiver auch die Schweiz zu spüren bekommt? Die Politiker schauen hilflos zu, und die Autoren tun es erst recht. Letzteren fehlen schlicht die Sensoren, um sich wirksam einzubringen. Sie haben sich – Ausnahmen bestätigen nur die Regel – in den vergangenen Jahrzehnten freiwillig und systematisch aus dem intellektuellen Kerngeschäft, der Kritik, zurückgezogen, die ja auf genauem Hinsehen und Hinhören beruht.

Den Realismus in der Literatur haben sie nicht nur völlig entwertet, sondern geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben. Man tat ihn als Konzept von vorgestern ab. Das war bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar nach dem Debakel des sozialistischen Realismus, der nicht darstellen, sondern befehlen wollte, wie man die Welt zu sehen hat, und nach dem Triumphzug der Postmoderne, in der das Reale pulverisiert, in lauter Bilder und Simulationen (um nicht zu sagen Luftblasen) aufgelöst wurde. Jede Repräsentation, jede Abbildästhetik war nun obsolet. Der Ursprung jedes guten Realismus ist immer der Spiegel, den man einer Gesellschaft vorhält, sei es als Akt der Anklage oder aber der Selbstbesinnung und Orientierung. Vielleicht geht das in der Totalität, die ein Gotthelf, ein Keller oder ein Inglin anstrebten, nicht mehr. Doch warum sollte der Realismus deswegen gleich in der Müllabfuhr landen? Schließlich gelingt es nur einer wirklichkeitsnahen Literatur, provokativ und politisch zu sein.