Dieser Mann hat sich nicht im Griff. Das ist sein Problem, eigentlich. Aber nicht nur seins. Denn dieser Nicolas Sarkozy ist ja kein Herr Irgendwer, der seine Gedanken nicht verbergen und seine Gefühle nicht kontrollieren kann. Er ist der Staatschef Frankreichs, einer Atommacht, einer Kriegsmacht, einer der großen Wirtschaftsmächte Europas. Mit der Nato hat er den libyschen Diktator Muammar al-Gadhafi gestürzt , mit den Deutschen will er den Euro retten – und den britischen Premierminister David Cameron schnauzte er neulich auf dem EU-Gipfel mit den Worten an : "Sie haben eine gute Gelegenheit verpasst, einfach mal die Klappe zu halten!" Und weiter: "Wir sind es leid, dass Sie uns dauernd kritisieren und sagen, was wir tun sollen. Sie hassen den Euro. Und jetzt wollen Sie sich in unsere Sitzungen einmischen?" Die Briten bezahlen bekanntlich mit Pfund.

Cameron war entsetzt – aber halb Europa frohlockte, weil da einer in seiner Wut die Wahrheit sprach. Wieder einmal hatte sich Sarkozy nicht im Griff, nicht seine Worte und auch nicht sein Gesicht, das ein Spiegel seiner Seele ist: nie entspannt, immer in grimassierender Verzerrung. Eine Katastrophe für seine Diplomaten. Ein Fest für die Fotografen. Ein furioses Faszinosum zwischen den blickdichten Mienen der Politiker, wo und wann immer sie sich zu einem Gruppenfoto aufstellen.

Nicolas Sarkozys größtes Problem macht auch seinen stärksten Reiz aus.

Wer ist dieser Mann – ein Getriebener oder ein Antreiber? Selten in Europas Nachkriegsgeschichte hat ein Politiker für so viel Wirbel gesorgt wie Sarkozy, 56, und auch Vertrauten ist nicht immer klar, ob mit Absicht oder aus Versehen, ob als Visionär oder Zappelphilipp. Im nächsten Frühjahr will Sarkozy wiedergewählt werden. Obwohl sich im Moment nur noch ein knappes Drittel der Franzosen in Umfragen zum derzeitigen Präsidenten bekennt, ist ihm das sogar zuzutrauen.

Obwohl er so ist, wie er ist? Oder weil?

Erst ein Vierteljahr ist es her, dass Frankreichs Staatschef auf der Hochzeit des monegassischen Fürsten Albert beleidigt das Abendessen schwänzte, weil er sich am Hof nicht ausreichend beachtet fühlte. Als ihn die PR-Chefin des Palastes bat, wenigstens noch eine halbe Stunde zu warten, bis das Foto mit allen Gästen gemacht werde, blaffte Sarkozy sie nach einem Bericht des Wochenblatts Le Canard enchaîné mit den Worten an: "Mir ist seit zwei Stunden scheißlangweilig in dieser Affenhitze, es reicht. Dieser Zirkus ist nicht mein Ding. Das ist was für kleine Mädchen!"

Mag sein, dass er recht hatte. Aber handelte er deshalb richtig? Sarkozy sei "psychologisch in der Adoleszenz stecken geblieben", sagt ein Politiker, der ihn aus der Nähe kennt.

So ein Präsident ist eine Neuheit in der Geschichte der Fünften Republik. Ihr Gründer Charles de Gaulle, sein Nachfolger Pompidou, später Giscard, Mitterrand, Chirac, sie alle konnten hochmütig sein, aber Sarkozy ist anders.

Als im August 2008 zehn französische Soldaten starben, es geschah während einer Patrouille nahe Kabul, reiste der Präsident tags darauf nach Afghanistan. In einer Ansprache vor der Truppe bekräftigte er mit düsterer Miene den französischen Kriegseinsatz und sagte: "Wenn man es noch einmal tun müsste, ich würde es wieder tun..." – da brach plötzlich ein Grinsen über ihn herein – "äh, nicht die Patrouille..." Und Sarkozy lachte trocken auf. Entsetzen malte sich auf die Gesichter der Umstehenden.

Was war geschehen? Etwas war an die Oberfläche durchgebrochen. In den Worten Sigmund Freuds: "unvollkommen unterdrücktes psychisches Material". Sarkozy wollte nicht, er musste einen Witz machen. Warum, das zeigte der folgende Tag.

Vom Blitzbesuch im Kriegsgebiet zurückgekehrt, hielt der Präsident im Ehrenhof des Pariser Invalidendoms die Trauerrede. Angehörige weinten, ein Soldat brach zitternd zusammen. Sarkozy blickte auf die Särge vor sich: "Ich will sagen, vor euren Familien, dass in diesem Moment, da ich zu euch spreche, ich noch niemals ermessen habe, was die Einsamkeit eines Staatschefs angesichts der Entscheidungen sein kann, die er auf sich nehmen muss." Was fällt auf, abgesehen von der verqueren Grammatik? Genau: Ich. Ich. Ich.

Ein Ich, das, wenn es sich verneigen müsste, sich stattdessen aufreckt. Und wenn es mit einem Witz ist.

"Er hat sich geändert", schnurrte seine Ehefrau Carla Bruni Anfang September in einem Fernsehinterview. "Er ist älter geworden, reifer." Ganz im Sinn der Propaganda, die der Élysée-Palast, der Amtssitz des Präsidenten, seit einem Jahr betreibt. "Völliger Quatsch", meint jemand, der auf eine mehr als dreißigjährige Zusammenarbeit mit Sarkozy zurückblickt: "Sarko ist genauso selbstverliebt, bösartig und unreif wie eh und je."

Sarkozy hat den Code des Politischen verändert. Im Frühjahr 2007 war er mit dem Versprechen eines "Bruchs" angetreten, ausdrücklich. Der Kandidat hatte angekündigt, Frankreichs aus Selbstzufriedenheit, Beamtenherrlichkeit und Veränderungsangst gespeiste Reformverweigerung frontal zu attackieren und mit ihr alle, die sich bequem im Status quo eingerichtet hatten – Frankreichs große Staatskaste.