Über eins brauchte sich am vergangenen Wochenende in Mumbai niemand zu beklagen: mangelndes Selbstbewusstsein. Das World Economic Forum, besser bekannt durch seine jährlichen Treffen in Davos, hatte zu seinem India Economic Summit in die Millionenmetropole geladen, drei Tage wurde über die Wirtschaft in Indien , Südasien und in den Schwellenländern debattiert. Eines war dabei die immer wieder geäußerte Überzeugung: Indien, China , Brasilien , Indonesien , Ägypten & Co streifen bald endgültig ihre Abhängigkeit von den westlichen Industrieländern ab.

Anders als Europa und die USA erlebe man kräftiges Wirtschaftswachstum. Man sei nicht mehr so exportabhängig. Man wickle die wichtigen Geschäfte zunehmend direkt untereinander ab. "Im Jahr 2000 fanden bloß 14 Prozent des Welthandels zwischen Entwicklungsländern statt", sagte Anil Gupta, ein indischstämmiger Ökonom, der an der Universität Maryland in den USA lehrt. "Heute steht man schon bei 25 Prozent, und in 15 Jahren wird die Hälfte des gesamten Welthandels auf diese Länder entfallen".

Richtig daran ist: In den vergangenen Jahren sind die Schwellenländer zu einem eigenen Wachstumspol in der Weltwirtschaft geworden. Das ist viel schneller geschehen, als man dachte. Nach einer gerade veröffentlichten Schätzung der spanischen BBVA-Bank tragen die Schwellenländer 2011 und 2012 mehr als drei Viertel zum Wachstum der Weltwirtschaft bei. Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley schätzt es ähnlich ein und spricht von 80 Prozent Beitrag. Die Weltwirtschaft insgesamt legt aufs Jahr gerechnet etwa vier Prozent zu, darüber könnte man in manchem Schwellenland nur lachen: Chinas Wachstum etwa liegt um die neun Prozent und Indiens über sieben Prozent.

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Beim letzten großen Weltwirtschaftsabschwung, in den Jahren 2009 und 2010, waren China & Co daher sogar die Retter für den Rest der Welt. Aus den USA, aus Japan und aus dem Großteil Europas blieb plötzlich die Nachfrage weg – aber aus den Schwellenländern kamen mehr Bestellungen als je zuvor. Gerade die deutsche Wirtschaft hat davon profitiert.

Das Problem ist: Bei einem erneuten Abschwung der Weltkonjunktur, der nach Ansicht der meisten Wirtschaftsforscher bereits begonnen hat, können die Retter von damals nicht mehr viel ausrichten. Auf den ersten Blick sehen ihre Wachstumsziffern zwar gut aus, aber dahinter verbergen sich ziemlich große eigene Probleme. Das hat viel damit zu tun, dass sie sich bei der jüngsten Rettung der Weltwirtschaft übernommen haben.

Jedenfalls hörte man aus einigen besonders wichtigen Schwellenländern in diesem Jahr: Die Inflation ist zurück! Vielleicht gerät sie sogar außer Kontrolle! Beobachter horchten auf, als zum Jahresbeginn 2011 die frisch ernannte brasilianische Präsidentin Dilma Roussef ihre allererste Rede hielt und gleich das I-Wort in den Mund nahm. Sie werde es "nicht zulassen, dass diese Plage zurückkehrt und unsere Wirtschaft zersetzt".

Als Roussef das sagte, betrug die Inflationsrate in Brasilien schon 5,6 Prozent, und für 2011 erwartet der Internationale Währungsfonds sogar einen Durchschnitt von 6,6 Prozent. In China lag die Teuerungsrate im Juli auch bereits bei 6,5 Prozent, und einige Ökonomen spekulierten, dass die Zahl geschönt sein könne, dass sie in Wahrheit viel höher liege. In Indien wurde im Sommer sogar ein Anstieg der Verbrauchspreise um stolze 8,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemessen.