Diesem Anfang wohnte ganz gewiss kein Zauber inne. Er war so glanzlos, wie man ihn nur denken kann: Am 20.November 1811 lässt sich der gerade einmal 24-jährige Friedrich Krupp von einem Notar in dem Landstädtchen Essen – das damals zum napoleonischen Großherzogtum Berg gehört– die Gründung einer Gussstahlfabrik bescheinigen. Der junge Krupp ist nicht unbedingt das, was man unter einem angehenden Aufsteiger oder Selfmademan versteht. Im Gegenteil: Die Krupps gehören zu den einflussreichen Familien der kleinen Stadt. Sie sind, im 16. Jahrhundert aus dem Niederländischen zugewandert, erfolgreiche Kaufleute gewesen und haben schon den Bürgermeister gestellt.

Auch war Friedrich Krupps "Gründungsakt" eigentlich ein Neustart, ein zweiter Versuch. Schon 1807 war der Jüngling in die Eisenverarbeitung eingestiegen. Damals hatte ihm seine Großmutter Helene Amalie kurzzeitig die Führung der Gutehoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade übertragen, einer der ersten Eisenhütten an der Ruhr überhaupt. Doch das Werk wurde verkauft; erst nach Großmutters Tod und als Erbe ihres Vermögens gelingt es Friedrich, ein Verfahren für die fabrikmäßige Herstellung von hochwertigem Gussstahl zu entwickeln. Es ist die "Nacherfindung" eines streng gehüteten englischen Verfahrens, Deutschland hinkt technisch noch mächtig hinterher.

Jetzt könnte es in gerader Linie weitergehen, wie in vielen Firmenchroniken des 19. Jahrhunderts. Doch die Geschichte des Hauses Krupp – und hier findet sich schon ein Grund für den späteren Mythos – ist voller Volten, Abbrüche und Neuanfänge.

Denn Friedrichs Experimente verschlingen das Vermögen der Familie. Er vertraut dubiosen Geschäftspartnern und Scharlatanen und geht unsinnige finanzielle Risiken ein. So schließt er Verträge mit den Brüdern von Kechel oder einem Offizier Nicolai, dubiosen Gestalten, die angeblich im Besitz von Geheimrezepten für die Stahlproduktion sind. Bis zu seinem Tod 1826 verschuldet er sich mit 10.000 Talern, das entspricht etwa 200.000 Euro. Das Patrizierhaus am Essener Flachsmarkt muss verkauft werden, die Familie zieht in ein kleines Betriebsleiterhaus auf dem Werksgelände, das im Westen von Essen liegt, unmittelbar vor den alten Stadtmauern.

Kruppstahl ist nicht hart und "zäh", sondern elastisch und biegsam

Die Gußstahlfabrik Friedr. Krupp bleibt ein Zwergunternehmen, eine Klitsche mit vier Arbeitern, die Werkzeuge und Prägestempel herstellen. Nach dem Tod Friedrich Krupps muss sein Sohn, der erst 14-jährige Alfred, die Schule verlassen und seiner Mutter beistehen. Er sollte zum wahren Gründer der Firma werden. Jahrzehnte später, 1873, als er auf den Aufstieg der Firma zurückblickt – inzwischen ein Imperium mit Zehntausenden Beschäftigten –, schildert er stolz die mageren Anfänge, erwähnt seinen Vater aber mit keinem Wort.

Immerhin: Das kleine Fachwerkhaus auf dem Firmengelände blieb erhalten. Immer wieder erneuert, wurde es stets als "das Stammhaus" verehrt. Heute hockt es mit seinen bergisch grünen Fensterläden still und bescheiden neben der futuristischen, 2010 eingeweihten ThyssenKrupp-Hauptverwaltung.

Der Mythos des Hauses Krupp hängt aber auch mit dem besonderen Stoff zusammen, um den sich alles drehte. Stahl, uns heute selbstverständlich, war damals eine Rarität. So erinnert Friedrichs Experimentieren an die geheimnisumwitterten Versuche der Gold- und Porzellanmacher. Im Laufe des 19. Jahrhunderts probierten die Krupps und ihre Ingenieure immer neue Verfahren und technische Innovationen. Dies gilt nicht nur für den Tiegelguss, der hier zur Vollendung gebracht wurde, sondern auch für das Bessemer- oder das Siemens-Martin-Verfahren, auf die Krupp sofort Patente erwarb und die es als Erster in Deutschland einsetzte.

Stahl war das Produkt der Stunde. Es ist der Urstoff des Industriezeitalters, aus dem praktisch alle Maschinen, alle Schienen und Eisenbahnen, Werkzeuge und Waffen gefertigt wurden. Und Stahl entsteht im Feuer, in der Hitze des Hochofens, der die produktive und die zerstörende Kraft der Industrialisierung symbolisiert: Prometheus und Epimetheus. Es ist vielleicht die Besessenheit, nicht nur Stahl, sondern den besten Stahl zu produzieren, die Krupp, obwohl es in Europa und Deutschland größere Stahlfirmen gab, so berühmt machte und zum Synonym für sein Produkt werden ließ. Wobei Kruppstahl eben nicht durch seine Härte, sondern durch seine Elastizität und Biegsamkeit bestach. Firmenzeichen wurden denn auch drei Ringe – drei nahtlose Stahlreifen, wie Eisenbahnräder sie brauchen.