DIE ZEIT: Herr Schulz, suchen Sie schon einen neuen Job?

Martin Schulz: Nein, warum?

ZEIT: 2012 treten Sie als Präsident des Europäischen Parlamentes an. Nach Joschka Fischer ist dieses Parlament, salopp formuliert, ein Auslaufmodell.

Schulz: Das Gegenteil stimmt. Das Europäische Parlament hat in den vergangenen Jahren ständig an Macht gewonnen und sie sinnvoll genutzt.

ZEIT:Joschka Fischer will aus nationalen Parlamenten eine zweite Kammer bilden, die dann den Rat der Regierungen in Europafragen kontrollieren soll.

Schulz: Fischer behauptet zwar, er wolle die Vereinigten Staaten von Europa. Doch mit solchen Ideen bekommt er die Vereinten Nationen von Europa. Stellen Sie sich das mal praktisch vor: Dann würde Frau Merkel nach Brüssel reisen, und die Herren Kauder, Brüderle, Steinmeier, Trittin und Gysi reisen mit – in die zweite Kammer. Die würden dann dort genau dasselbe tun, was sie zu Hause auch tun: Die einen unterstützen die Kanzlerin, die anderen kritisieren sie.

ZEIT: Na und?

Schulz: Das wäre die Renationalisierung und die Abwicklung der Europapolitik. Nehmen Sie die Wirtschaftsregierung, die Merkel wünscht, und kombinieren Sie die mit dem Fischer-Modell. Dafür gäbe es zwei Modelle. Entweder die Regierungschefs entscheiden einstimmig. Dann müssten sie warten, bis diese Kammer grünes Licht gibt und die letzte Partei irgendwo in Europa ihre Mitglieder befragt hat. Oder sie entscheiden mit qualifizierter Mehrheit. Dann hätten Deutschland und Frankreich immer genügend Stimmen. Alle anderen Regierungen müssten durchführen, was sie befehlen. Das wäre die Rückkehr ins 19. Jahrhundert, zum Wiener Kongress.

ZEIT: In der Krise haben eher Institutionen des 20. Jahrhunderts versagt. Fischer nennt die EU-Kommission. Die hat nicht politisch, sondern wie eine Behörde agiert.

Schulz: Ich bin dafür, die Ämter des Kommissionspräsidenten und des Ratspräsidenten zusammenzulegen. Dann hätten wir den echten EU-Präsidenten, am besten vom Europaparlament gewählt. Der könnte auch politisch ganz anders auftreten.

ZEIT: Vergesst die EU der 27, die 17 Euro-Länder sind heute die Entscheidungsinstanz in Europa – sagt Joschka Fischer. Hat er recht?

Schulz: Nein. Ziel muss es sein, die Spaltung der Europäischen Union nicht zu vertiefen, sondern sie aufzuhalten. Die 17 können schon jetzt vorangehen. Aber sechs weitere Länder haben erklärt, dem Euro beitreten zu wollen. Denen dürfen wir nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.

ZEIT: Wo sollten die 17 vorangehen?

Schulz: Bei der Finanztransaktionssteuer. Die würde die Einnahmeseite der Schuldenländer schlagartig verbessern. Wir könnten sie längst haben. Da hat die von Joschka Fischer so hoch gelobte Runde der 17 Regierungschefs gnadenlos versagt. Die Kommission ist da viel weiter. Sie legt in den nächsten Wochen einen Richtlinienentwurf für die Einführung der Finanztransaktionssteuer vor und wird im Europaparlament die Mehrheit bekommen.