Er müsste jetzt glücklich sein. Es ist ein verschlafener Sonntag in Lissabon, und es regnet. Am Vorabend ist Berlusconi in Rom zurückgetreten . Antonio Tabucchi hat sich das in Lissabon im Fernsehen angesehen. Danach hat die Familie eine Flasche geöffnet und die erste Sinfonie von Furtwängler aufgelegt.

Aber richtig erleichtert wirkt der Professor nicht. Seine schönen melancholischen Augen sind weit aufgerissen. Seine Hände zerschlagen aufgebracht die Luft. Er spricht laut, überdeutlich zu der ausländischen Journalistin, die den berühmten italienischen Schriftsteller in seinem portugiesischen Exil besucht. Seit Langem ist er nicht mehr in Italien gewesen. Sein Haus in Pisa steht leer. Eine Nachbarin öffnet von Zeit zu Zeit die Fenster und macht sie wieder zu. Das Professorenehepaar Tabucchi bevorzugt seine Wohnsitze in Lissabon und Paris. In Italien, finden sie, könne man es nicht mehr aushalten. Die Familiensprachen sind Italienisch, Portugiesisch, Spanisch und Französisch. Im nächsten Jahr will das Ehepaar nach Berlin kommen. Dort spielt der Roman, an dem Tabucchi gerade schreibt. Das Manuskript des Berlinromans liegt offen aufgeschlagen auf einem Sekretär am Fenster. Man kann der Familie Tabucchi nicht nachsagen, dass sie sich für Europa nicht genügend interessiere.

Auf das Gespräch hat er sich vorbereitet. Zigaretten, Notizen, Notebook, Papier. Auch Signora Tabucchi nimmt an der Unterredung teil. Sie soll alle Namen, die im Gespräch auftauchen, notieren. Es werden viele sein. Antonio Tabucchi ist es wichtig, dass niemand vergessen wird aus der Bande, die Berlusconi nach oben getragen, ihn unterstützt, ihm nach dem Munde geredet hat. Italien hat sich nach Mussolini schon einmal seiner dunklen Vergangenheit mit einem Schulterzucken entledigt. Jetzt steht das Land wieder vor einem Epochenumbruch. Diesmal soll abgerechnet werden. Die Besucherin wird am Ende des Gesprächs zwei von Signora Tabucchi beschriebene Seiten voller Namen mit nach Hause nehmen.

Antonio Tabucchi ist 68 Jahre alt. Berlusconi ist 75 Jahre alt, und außer der Haartracht verbindet die beiden berühmten Italiener nichts. Tabucchi ist ein 68er-Gentleman, der aus dem konservativen italienischen Bürgertum stammt. Berlusconi ist ein Nachkriegsemporkömmling, dessen Wurzeln im italienischen Kleinbürgertum der fünfziger Jahre liegen. Berlusconi habe, sagt Tabucchi, auf Kreuzfahrtschiffen napolitanische Lieder geschmettert, während er in Pisa Literatur studiert habe. Und in der Zeit, in der Berlusconi in Mailand ein halbes Stadtviertel gebaut habe, mit Geld, sagt Tabucchi, dessen Herkunft niemand kenne, habe er seine Liebe zum portugiesischen Dichter Fernando Pessoa entdeckt und wurde Professor für portugiesische Literatur in Pisa. Als Berlusconi zum mehrfachen Milliardär und Ministerpräsidenten geworden war, wurde Tabucchi zum Staatsfeind. Senatspräsident Renato Schifani (Signora Tabucchi notiert den Namen) verklagte den Autor wegen eines Zeitungsartikels, in dem er an dessen Mafiakontakte erinnerte, die inzwischen längst bewiesen sind, auf eine Strafzahlung von 1.350.000 Euro. Der Prozess ist noch anhängig.

In Italien hat niemand von der Klage gegen den prominenten Autor Notiz genommen. Es gab anonyme Drohungen und nächtliche Anrufe. Giuliano Ferrara, Chefredakteur der Berlusconi-Zeitung Il Foglio, schrieb in seinem Blatt, wenn Tabucchi erschossen würde, wäre er selber daran schuld. Aber, seufzt Tabucchi, schreiben Sie das nicht. Das sei doch nur eine der ungezählten Ungeheuerlichkeiten, an die Italien sich gewöhnt habe, nachdem es in der Nacht versank.

Antonio Tabucchi ist ein gelehrter, zurückgezogener Mann. Seine wahren Interessen gelten der klassischen Moderne. In seinen Romanen lässt er empfindsame Menschen schönen, von Zypressen gesäumten Gedanken nachhängen. Sein Leben ist in Literaturseminaren dahingegangen. Man spürt den fürsorglichen Schulmeister, der den italienischen Albtraum in bekömmliche Erstens-, Zweitens-, Drittens-Portionen zu zerlegen versucht, um zumindest ein bisschen rhetorische Ordnung in das Unbegreifliche zu bringen.

Erstens, sagt er, waren es die Demokraten und die Kommunisten, die Berlusconi nobilitiert haben. Massimo D’Alema – aufschreiben! – habe ihn als Oppositionsführer anerkannt. Er lud ihn in eine Kommission, die die italienische Verfassung reformieren sollte. Tabucchi atmet schwer. Man stelle sich das vor. Einer der reichsten Männer der Welt sollte an der italienischen Verfassung herumfummeln! Bettino Craxi – auch aufschreiben! – habe ein Gesetz verabschiedet, das Berlusconis Trash-Fernsehsender begünstigte.

Zweitens, sagt er, habe der Vatikan Berlusconi unterstützt. Berlusconi, der eigentlich ein Mann ganz ohne Ideologie sei, der zu seinem Nutzen selbst mit den Roten Khmer paktieren würde, habe sich dieses Wohlwollen gekauft wie alles andere – Frauen, Gesetze, Freunde – auch, indem er das staatliche Bildungssystem zerschlagen und die katholischen Privatschulen finanziert habe. Drittens waren die italienischen Industriellen von Berlusconi genauso begeistert wie ehemals von Mussolini, spekulierten auf Steuersenkungen. Und viertens und letztens war es die extreme Linke, die in Massen zu Berlusconi überlief im Glauben, dass dessen Antiparlamentarismus mit ihren Träumen von einer außerparlamentarischen Opposition irgendwie zusammenpasse.