Doch stellt sich die Frage, ob der Staat tatsächlich der Schlüssel zu Chinas Erfolg ist. Sind es in Wahrheit nicht doch die Kräfte des Marktes? Wie die Antwort ausfällt, hängt davon ab, wo man hingeht. In Shanghai oder Chongqing zum Beispiel ist die chinesische Staatsmacht allgegenwärtig. In der Küstenstadt Wenzhou dagegen hat sich eine von Unternehmertum und liberalen Marktgedanken durchdrungene Wirtschaft entwickelt, die ihresgleichen sucht.

Sicher, die chinesische Volkswirtschaft wird weiterhin auf der Basis eines Fünfjahresplans gelenkt. Aber die chinesische Führung hat ein Problem, das mehr mit den Kräften des Marktes zu tun hat als mit zentralistischer Planung. Denn in China ist in den vergangenen Jahren eine Immobilienblase entstanden. Und während die Zentralbank die Zinsen heraufsetzt und ihre Reserven aufstockt, um die Kreditvergabe zu kürzen, floriert in Städten wie Wenzhou ein Schattenbanksystem, das Bauherren und Investoren mit Geld versorgt, um immer neue Apartmentblocks zu bauen.

Das bessere System verteilt geschaffenen Wohlstand gerechter

Wer sich mit chinesischen Ökonomen unterhält, der könnte auch den Eindruck bekommen, dass die Politik alles dafür tut, um den Staatskapitalismus abzuschaffen. "Wir müssen alle Staatsbetriebe privatisieren", erklärte mir ein führender Ökonom bei einem Essen in Peking. "Und die Große Halle des Volkes auch." Das habe er dem Präsidenten Hu Jintao höchstpersönlich gesagt, meinte er stolz.

Es ist ganz klar: Die Welt allein in den freien Markt und den Staatskapitalismus aufzuteilen ist ein grobe Vereinfachung, die nichts nützt. In Wahrheit gibt es in nahezu allen Ländern eine mehr oder weniger ausgeprägte Form von staatlicher Wirtschaftsintervention.

Zahlen des IWF ergeben, dass die chinesischen Staatsaus gaben bei rund 23 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen. Von 183 Ländern liegt China damit auf Platz 147. In Deutschland erreichen sie 48 Prozent des BIP, und in den meisten Ländern Europas, wie Finnland, Italien, Belgien oder Ungarn, liegen sie noch drüber. Staatskapitalismus, so scheint es, ist kein asiatisches Phänomen, sondern ein europäisches. Dagegen führt China das Feld bei den Bruttoinvestitionen des öffentlichen Dienstes an. Laut Weltbank lagen diese im Jahr 2008 bei 21 Prozent des BIP. Im Westen dagegen sind diese Zahlen verschwindend gering. Hier ist der Staat kein Investor, der für Infrastrukturprojekte bezahlt, sondern für Dienstleistungen auf Pump.

Anstatt sich zu fragen, ob der Markt oder der Staat das Zepter führen sollte, müssen wir untersuchen, in welchem Land eine rechtliche Ordnung besteht, die das Wirtschaftswachstum nicht nur maximiert, sondern den Wohlstand, der daraus hervorgeht, auch gerecht verteilt. Das ist nicht einfach. Aber einen ersten Hinweis liefern Zahlen des World Economic Forum. In dessen Index der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften sind die USA seit 2004 in der Skala von 5,82 auf 5,43 regelrecht abgestürzt. China dagegen hat einen großen Sprung nach vorne gemacht, von 4,29 auf 4,90.

Wir müssen also krasse Verallgemeinerungen über den Staatskapitalismus vermeiden. Als Begriff taugt er heute nicht besser als früher der marxistisch-leninistische Stamokap. Wir sind alle Staatskapitalisten, und zwar bereits seit über einem Jahrhundert, als der Staat begann, sich auszubreiten. Doch gibt es zahllose Arten des Staatskapitalismus. Das Spektrum reicht von der aufgeklärten Autokratie Singapurs bis zur funktionsgestörten Tyrannei in Simbabwe.

Es ist insofern falsch, von einem globalen Zweikampf der Systeme zu sprechen. Von Staatskapitalismus in China auf der einen und dem freien Markt in Amerika auf der anderen Seite. Die leidenschaftlichen Marktbefürworter von Wenzhou haben ebenso wenig für die Pekinger Parteibonzen übrig wie die Kontrahenten in der amerikanischen Haushaltsdebatte füreinander. Die einen wollen die Regierung radikal stutzen, die anderen am liebsten dänische Verhältnisse in Washington einführen. Und Europa? Es muss wohl niemand mehr darauf hingewiesen werden, wie groß der Graben zwischen Deutschland und Griechenland ist.

Übersetzung: John F. Jungclaussen

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