Bullerbü in braun – Seite 1

Nachts in ihrem Bett, wenn sie die Augen schließt, sieht Janine Kumpf Hakenkreuze. Die Nächte im Süden Mecklenburg-Vorpommerns sind schlimm, doch die Tage sind schlimmer. Wenn Janine Kumpfs Tochter am Frühstückstisch quengelt, sie würde so gerne auf diese Wintersonnwendfeier gehen; wenn sie dann in ihre Kindertagesstätte fährt, und da bringt wieder eine dieser Mütter ihren Bodomar oder ihre Gunhilde in den Morgenkreis; wenn sie mitbekommt, dass diese Mutter im Weggehen andere Eltern einlädt zu einem Vortrag über artgerechte Ernährung – dann hat Janine Kumpf schon "die Schnauze voll von dieser braunen Soße. Das ist so was von bedrohend, ich weiß nicht, wo das hinführen soll."

Janine Kumpf heißt nicht Janine Kumpf. Ihr Name und wo sie arbeitet – das darf hier nicht stehen. Ihr Mann hätte ihr am liebsten verboten, mit der Zeitung zu reden. "Am Ende zünden die uns noch das Haus an", hat er gesagt. Aber die Frau, die hier Janine Kumpf heißen soll, findet: "Wenn aus Angst alle den Mund halten, dann haben die doch auf ganzer Linie gesiegt."

"Die" – das sind die Rechtsextremen. Die aus Mecklenburg-Vorpommern eine Art Toskana für Neonazis gemacht haben : NPD-Kader in der Nähe von Ludwigslust. Völkische Siedler in den Dörfern um Güstrow. Schlägertrupps aus der Kameradschaftsszene in Vorpommern. Und sie alle ziehen in Krippen, Schulen und Jugendklubs ihren Nachwuchs heran, die nächste Generation.

Wenn Janine Kumpf von "uns" spricht, dann meint sie die wenigen Erzieherinnen und Mütter, die sich dagegen wehren. Janine Kumpf – große Brille, große Klappe, großes Herz – arbeitet in einer Kindertagesstätte in Mecklenburg-Vorpommern. In einer Gegend mit einem Dutzend Seen, bescheidenen Backsteinkirchen, verträumten Gehöften, üppigen Wiesen. Keine schlechte Gegend, um Kinder großzuziehen, ein deutsches Bullerbü.

Janine Kumpf erzählt von einem Jungen aus ihrer Kita, nennen wir ihn Thore. Ein paar Jahre ist es her, als Thores Eltern ihn das erste Mal brachten: "Ein Sonnenscheinkind, immer lieb", sagt Janine Kumpf. Doch etwas war komisch an Thore und seinen Eltern. Er durfte nicht mit den anderen Kindern essen, brachte seine eigenen Körner mit und später auch die eigene Steinmühle. Und diese Kleidung aus grobem Leinen, die kurzen Hosen – auch an kalten Herbsttagen.

Dann kam Thores Geburtstag. Geburtstagskinder dürfen sich bei Frau Kumpf ein Lied wünschen, das dann alle singen. Thore wünschte sich Der Mond ist aufgegangen. "Aber der sang das in so ’ner völkischen Version, wo es nur um Kampf und Blut und Krieg ging. Da gingen mir die Ohren auf", sagt Janine Kumpf.

Sie drohte Thores Vater mit dem Jugendamt. Keine zwei Wochen später war Thore von der Kita abgemeldet, seitdem hat sie ihn nie mehr gesehen. Sie ist froh, ihn los zu sein, und gleichzeitig erschüttert. Welche Erzieherin gibt schon gerne ein Kind an eine Nazi-Sekte verloren?

Es ist ein Kampf zwischen Minderheit und Mehrheit

Kinder, die von Kampf und Blut singen? Die von ihren Eltern das Essen verboten bekommen und im Winter kurze Hosen tragen, als würden die nordischen Namen sie abhärten gegen Hunger und Kälte? Die vom "T-Hemd" reden statt vom "T-Shirt", von "Gemüsetorte" statt von "Pizza"? Die, wenn sie gefragt werden, was sie einmal werden wollen, sagen: "Ich werde, was auch immer mein Vaterland von mir verlangt"?

Janine Kumpf hat sich schlau gemacht über die Eltern solcher Kinder, die Anfang der neunziger Jahre in die Mecklenburgische Schweiz kamen. Sogenannte Artamanen, die sich als "Hüter deutscher Scholle" sehen, als eine Art arischer Landadel, wie es ihn schon einmal in den dreißiger Jahren hier gab. Heinrich Himmler und Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß gehörten zu ihnen. Sie tragen altmodische Kleidung, die Männer Zimmermannshosen und Fischerhemden, die Frauen Leinenkleider. Familien mit vier, fünf Kindern. Ein Leben im, wie sie sagen würden, "völkisch-nationalen Widerstand".

Es ist ein Kampf. Ein Kampf zwischen Frauen wie Frau Kumpf und Eltern wie denen von Thore. Ein Kampf um die Krippen, um die Schulen, um die Jugendklubs, um die Ausbildungsbetriebe. Um die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, die Fußballvereine und Musikfestivals. Ein Kampf zwischen einer demokratischen, aber oft verängstigten Mehrheit und einer völkischen bis offen neonationalsozialistischen, gläubigen Minderheit. Ein Kampf, der nirgends so erbittert geführt wird wie in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Braunen machen sich breit. Und sie verhehlen ihre Absicht nicht: "Wir dürfen nicht weiterhin die Bereiche Bildung und Erziehung den Etablierten überlassen. Unser Ziel muss es sein, einer charakterfesten, gesunden und allgemeingebildeten deutschen Jugend Raum zur Entfaltung ihrer Potenziale zum Wohle des gesamten Volkes zu geben", heißt es in einem Artikel der NPD-Zeitung Deutsche Stimme . "Eine Rückbesinnung auf bewährte Inhalte und Strukturen" wird dort verlangt.

Aber was sollen Eltern tun, wenn der eigene Bub sich mit einem Sohn dieser Nazis anfreundet? Ist es hysterisch, wenn man der Tochter die Sonnwendfeier verbietet, auf die doch alle anderen in der Klasse gehen? Ist die Mutter gleich eine Nazibraut, weil sie ihr blondes Zöpfchenmädchen nicht impfen lässt und das mit Gefasel von Abhärtung und Stärkung der Volksgesundheit begründet? Und selbst wenn man weiß, dass die Eltern von Arwind und Freya für die NPD auf der Gemeinderatsliste stehen: Wie geht man damit um? Lässt man sie beim Wandertag die Kinder begleiten?

Es geht ja nicht nur um den Umgang mit den Artamanen, die man als besorgte Eltern wenigstens noch am Äußeren erkennen kann. Es geht um die Neonazis von nebenan, die sich an Kinder heranmachen – und so die gesellschaftliche Mitte umarmen. Einschlägig engagierte Eltern bieten völkische Näh-, Koch- und Tanzkurse an. NPD-Funktionäre lassen sich in die Elternbeiräte wählen. Ihre Frauen laden zum Kinderyoga ein, bringen Interessierten "alte Haushaltspraktiken" bei. Oder sie versuchen, wie NPD-Mitglied Mattias Schubert in Bartow im Kreis Demmin, gleich die Leitung einer Krippe zu übernehmen.

An der Regionalschule von Ueckermünde haben sie einen Jungen zum Schülersprecher gewählt, der Schüler als "der deutschen Rasse unwürdig" befindet und auf dem Stadtfest "Heil Hitler" ruft. Schüler, Lehrer und Eltern loben ihn als vorbildlichen Ordnungshüter.

Zwei Dutzend rechtsextremistische Szenelädengibt es in Mecklenburg-Vorpommern

Die Gemeinde Bargischow in Vorpommern hat den Jungs mit den Springerstiefeln gleich den Schlüssel für den blauen Flachbau in die Hand gegeben, das ist der Jugendklub. "Dann stehen sie nicht auf der Straße herum", sagt der ehemalige Bürgermeister André Stegemann, im Hauptberuf Polizist.

Es gibt, schreibt der Verfassungsschutz, im dünnstbesiedelten Mecklenburg-Vorpommern gut zwei Dutzend rechtsextremistische Szeneläden und rechtsextreme Internethändler, mindestens einmal im Monat findet irgendwo ein Rechtsrock-Konzert statt.

Braun tragen, braun hören – und dann auch braun denken: Eine Umfrage am Goethe-Gymnasium Ludwigslust hat ergeben, dass 87 Prozent der Mädchen und 78 Prozent der Jungen keinen Juden oder keine Jüdin als Freund oder Freundin haben wollen. Bei der Landtagswahl im September haben 13 Prozent der Wähler unter 29 für die NPD gestimmt – so viele wie auch für die Grünen.

Warum ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern? Warum hat es hier die NPD bei der Landtagswahl 2006 aus dem Stand auf 59000 Stimmen (7,3 Prozent) geschafft? Und warum hat sie im September die meisten ihrer Mandate in Landtag (6,0 Prozent), Kommunalparlamenten und Kreisräten verteidigt? Wieso hat es die Polizei hier täglich mit einer rechtsextremistischen Straftat zu tun? Warum klebt hier zum Jahrestag des Kriegsendes an vielen Laternenpfählen ein Aufkleber "8.Mai 45 – Tag der Schande"? Warum all die Ferienlager, Kinderfeste, Sonnwendfeiern? Warum das alles in Mecklenburg-Vorpommern?

Wegen der letzten 700 Jahre. Wegen der letzten 70 Jahre. Und wegen der letzten 20 Jahre.

Freie Bauern gibt es in Ostelbien seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. Der Boden ist von jeher in der Hand von Großgrundbesitzern, die Landbewohner waren jahrhundertelang Leibeigene. Karl-Georg Ohse, Einheimischer, Vater und bis vor Kurzem Chef des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Ludwigslust, sagt: "Es gibt hier immer noch eine hohe Affinität zu autoritären Strukturen. Ketten von Befehl und Gehorsam haben sich hier über Jahrhunderte gehalten." Die DDR-Zeit verhieß Aufbruch. Man siedelte Industrieunternehmen und Armeestützpunkte an, Mecklenburg-Vorpommern hatte 1989 die jüngste Bevölkerung aller Bundesländer. Heute ist es die älteste. Die Demokratie hat den Menschen babypoglatten Straßenasphalt gebracht, McDonald’s und Nutella. Und dennoch fehlt etwas.

Ein Land, das sich über jeden selbst gebackenen Kuchen, über jeden von Eltern gestrichenen Kitazaun freuen muss – selbst wenn die manchmal merkwürdige Ansichten haben. Einen solch fruchtbaren Boden für ihre braune Saat müssten die NPD und ihre Kader eigentlich erfinden – wenn es ihn nicht schon gäbe. So freut sich der NPD-Kreisverband Westmecklenburg auf seiner Internetseite über das "wachsende nationale Wurzelgeflecht". Der Landeschef sagt: "Es wohnen sehr viele Nationale in Mecklenburg und in Pommern. Wir arbeiten daran, dass es mehr werden."

Ein Erlass allein reicht nicht

Und die Nichtbraunen, was tun sie dagegen? Und was nützt das, was sie tun?

Sozialministerin Manuela Schwesig wollte vergangenes Jahr, nachdem die gescheiterte NPD-Übernahme jener Kita in Bartow bekannt wurde, zeigen: Die Politik handelt. Daraus wurde ein Erlass, wonach alle Betreiber von Kindertagesstätten unterschreiben müssen, dass sie für das Grundgesetz einstehen.

Die Braunen per Ministerialerlass stoppen ? Da muss selbst Stefan Köster lächeln. Köster, 38, groß, blond, schlank, höflich und redegewandt, ist ein Mann, den man gerne in der eigenen Volleyballmannschaft hätte oder im Elternbeirat. Wenn er nicht Bundesgeschäftsführer, Landesvorsitzender und Landtagsabgeordneter der NPD wäre. (Und wenn er nicht 2004 mit drei NPD-Kameraden auf eine am Boden liegende Frau eingetreten hätte und dafür wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden wäre.) Köster also sitzt manierlich auf dem grünen Sofa der NPD-Geschäftsstelle in Lübtheen und sagt: "Der Erlass ist ein absoluter Rohrkrepierer. Da handelt es sich um eine politisch gewollte Ausgrenzungsstrategie, die mich sehr stark an das erinnert, was heutzutage über die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts berichtet wird." Hinter ihm hängt ein Parteiplakat in den Farben der Reichskriegsflagge: "Vaterland, Muttersprache, Kinderglück!". Es gebe gravierende Probleme im Land: Kindern, die nicht mal vernünftig Deutsch könnten, werde mit aller Gewalt Polnisch oder Englisch beigebracht. Kitapersonal werde viel zu schlecht bezahlt. Und dennoch, so Köster, "unterhält der Staat eine ganze Batterie von Sozialpädagogen und anderen armseligen Gestalten, die nichts anderes tun, als gegen uns zu hetzen? Das ist gefährlich!"

Die Chefin einer Kita, in der einige Promis der rechtsextremen Szene ihre Kinder angemeldet haben, sagt: "Der Erlass setzt ein Zeichen, aber auch nicht viel mehr. Wenn es hart auf hart kommt, dann nützt der Erlass nichts." Ähnliche Erlasse gibt es für die Feuerwehren, die Sportklubs, die Verwaltung. Aber es gibt noch mehr, womit man sich in Mecklenburg-Vorpommern gegen die Rechten zur Wehr setzt, fünf Regionalzentren für demokratische Kultur zum Beispiel. Sie legen Flyer für Lehrer und Kitaleiter aus, und wer sie anruft, wird geschult im Kampf gegen Rechts. Wie eine Lebensrune aussieht, wie man per Hausordnung Springerstiefel verbieten kann, solche Dinge. Es gibt ein "Demokratie und Toleranz"-Programm des Landesverbandes der Schullandheime. Es gibt einen Bus der Landeszentrale für politische Bildung, der über die Dörfer fährt und dort die Demokratie erklärt. Es gibt, organisiert vom Demokratieladen in Anklam, Jungbürgerversammlungen, bei denen Jugendliche Fragen an den Bürgermeister stellen dürfen. Es gibt in Wolgast zwei Brüder, die eine – wenn man so will: antibraune – Football-Mannschaft und ein Fitnessstudio gegründet haben. Muckis gegen Nazis. Es gibt Konzerte gegen Rechts, wie jenes kurz vor der Landtagswahl in Schwerin. Das aber hat so viel gekostet wie zwei Jugendklubs ein ganzes Jahr lang.

Jochen Schmidt, Chef der Landeszentrale für politische Bildung, verteidigt solche Sachen. Seine Tochter war auch bei dem Konzert. Aber Schmidt weiß auch, Zivilcourage in der Stadt zu zeigen, auf einer Demo, das ist das eine. Aber sich auf dem Dorf gegen den Nachbarn zu exponieren, nur weil der einen HJ-Scheitel trägt und abends schräges Liedgut singt, das ist etwas anderes. Vor allem, wenn seine Freunde groß, blond, stark sind und Springerstiefel tragen. Und wo die Frau doch so leckeren Kuchen für die Grundschule bäckt.

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