Die Gemeinde Bargischow in Vorpommern hat den Jungs mit den Springerstiefeln gleich den Schlüssel für den blauen Flachbau in die Hand gegeben, das ist der Jugendklub. "Dann stehen sie nicht auf der Straße herum", sagt der ehemalige Bürgermeister André Stegemann, im Hauptberuf Polizist.

Es gibt, schreibt der Verfassungsschutz, im dünnstbesiedelten Mecklenburg-Vorpommern gut zwei Dutzend rechtsextremistische Szeneläden und rechtsextreme Internethändler, mindestens einmal im Monat findet irgendwo ein Rechtsrock-Konzert statt.

Braun tragen, braun hören – und dann auch braun denken: Eine Umfrage am Goethe-Gymnasium Ludwigslust hat ergeben, dass 87 Prozent der Mädchen und 78 Prozent der Jungen keinen Juden oder keine Jüdin als Freund oder Freundin haben wollen. Bei der Landtagswahl im September haben 13 Prozent der Wähler unter 29 für die NPD gestimmt – so viele wie auch für die Grünen.

Warum ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern? Warum hat es hier die NPD bei der Landtagswahl 2006 aus dem Stand auf 59000 Stimmen (7,3 Prozent) geschafft? Und warum hat sie im September die meisten ihrer Mandate in Landtag (6,0 Prozent), Kommunalparlamenten und Kreisräten verteidigt? Wieso hat es die Polizei hier täglich mit einer rechtsextremistischen Straftat zu tun? Warum klebt hier zum Jahrestag des Kriegsendes an vielen Laternenpfählen ein Aufkleber "8.Mai 45 – Tag der Schande"? Warum all die Ferienlager, Kinderfeste, Sonnwendfeiern? Warum das alles in Mecklenburg-Vorpommern?

Wegen der letzten 700 Jahre. Wegen der letzten 70 Jahre. Und wegen der letzten 20 Jahre.

Freie Bauern gibt es in Ostelbien seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. Der Boden ist von jeher in der Hand von Großgrundbesitzern, die Landbewohner waren jahrhundertelang Leibeigene. Karl-Georg Ohse, Einheimischer, Vater und bis vor Kurzem Chef des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Ludwigslust, sagt: "Es gibt hier immer noch eine hohe Affinität zu autoritären Strukturen. Ketten von Befehl und Gehorsam haben sich hier über Jahrhunderte gehalten." Die DDR-Zeit verhieß Aufbruch. Man siedelte Industrieunternehmen und Armeestützpunkte an, Mecklenburg-Vorpommern hatte 1989 die jüngste Bevölkerung aller Bundesländer. Heute ist es die älteste. Die Demokratie hat den Menschen babypoglatten Straßenasphalt gebracht, McDonald’s und Nutella. Und dennoch fehlt etwas.

Ein Land, das sich über jeden selbst gebackenen Kuchen, über jeden von Eltern gestrichenen Kitazaun freuen muss – selbst wenn die manchmal merkwürdige Ansichten haben. Einen solch fruchtbaren Boden für ihre braune Saat müssten die NPD und ihre Kader eigentlich erfinden – wenn es ihn nicht schon gäbe. So freut sich der NPD-Kreisverband Westmecklenburg auf seiner Internetseite über das "wachsende nationale Wurzelgeflecht". Der Landeschef sagt: "Es wohnen sehr viele Nationale in Mecklenburg und in Pommern. Wir arbeiten daran, dass es mehr werden."