Vor diesem Roman steht man selbst wie vor einer riesigen Sanddüne. Das Titelbild des Romans Sand von Wolfgang Herrndorf ist genau richtig. Wer das Buch betritt, verlässt den festen Boden gewohnter Lesegewohnheiten. Bis zum Schluss hat der Leser das Gefühl, ihm sei etwas entgangen. Was ist hier eigentlich los? Wer ist Julius? Was suchen diese Leute überhaupt? Was war noch mal auf Seite 345 mit dem Notizblock? Und woher kommen diese ganzen Figuren? Figuren, die doppelt vorkommen, was man erst hinterher merkt, weil sie unter verschiedenen Namen firmieren. Und bei deren Handeln man sich gern alle paar Seiten an den Kopf greift. Unentwegt treiben Missverständnisse die Handlung voran. Es ist das Buch der Fehler und das Buch der Dummheit, die überall aus den Figuren herausbrüllt. Worum geht es aber genau? Was machen diese Leute? Man möchte den Autor anrufen. Einfach mal fragen: Was soll das denn hier sein? Ein Roman? Ein Scherz? Eine Verwirrung? Doch trotz dieser Orientierungslosigkeit ist es, als spräche einem der Roman direkt aus der Seele.

Beginnen wir mit dem Genre. Wolfgang Herrndorf hat einen Thriller geschrieben. Er heißt Sand . Sand, also Wüste, das ist Todeszone. Sand ist auch eine Metapher. Könnte sie sein. Denn wir bewegen uns auch in einer geistig eher öden Landschaft. Sand ist ein Roman, der sich im Genre zwischen Gesellschaftsroman und Thriller bewegt. Die Settings sind Ian-Fleming-mäßig exotisch und die Figuren rätselhaft wie bei John le Carré . Es ist ein Spionagethriller alter Schule. Also im Sinne einer vergangenen Zeit, in der es sinnvoll war, Mikrofilme in einer Stiftmine zu verstecken. Herrndorf vervielfacht die Unübersichtlichkeit von Spionageromanen um ein Vielfaches und breitet ein enormes Ensemble von Deppen aus. Es ist ein riesiges Gemälde, ein Wimmelbild, das der Autor von In Plüschgewittern und Tschick hier entwirft.

Sein neuer Roman ist aber gleichzeitig eine karge geistige Landschaft. Wie gesagt: Es ist Sand in den Köpfen, eine öde, nihilistische Landschaft. Wüste. Vor allem eine zwischenmenschliche. Es geschieht ein Verbrechen, dessen Motiv nicht so recht klar wird: Ein Mann namens Amadou Amadou soll in eine Hippiekommune eingedrungen sein und vier Personen erschossen haben. Zuvor bot er nicht näher zu bezeichnende Dienstleistungen an (fünf Zeugen), hielt eine unkorrekte Rede über Sexualität (vier Zeugen), führte philosophische Gespräche über das Geschlechterverhältnis (eine Zeugin). Amadou Amadou behauptet, er sei in der Wüste spazieren gewesen. Der Polizist Polidorio bezweifelt das und zieht die Unschuld des Angeklagten in Betracht. Der erste Fehler. In diesem Werk wird die Handlung fast ausschließlich von Fehlern vorangetrieben.

seinem Blog Arbeit und Struktur geschrieben: »Ich halte den Roman für den Aufbewahrungsort des Falschen.« Es ist, als wollte er sagen: Jede Handlung ist nur eine Folge von Missverständnissen. Jede Begegnung eine Folge von Zufällen. Und jedes Urteil eine Folge von inkompetenten Richtern.

Herrndorf hat in

Es ist das Jahr 1972, September, und die arabische Welt ist eine Bedrohung. Geheime Informationen, die die Welt bedrohen, sind nach Nordafrika gelangt. Es hat etwas mit Nuklearwaffen zu tun. So richtig erfährt man es nicht. Agenten, CIA, Polizei und versehentlich hineingestolperte Personen sind alle auf der Suche nach dem Mikrofilm, auf dem die geheimen Informationen sich befinden. Da ist besagter Polizist Polidorio, der fast immer Kopfschmerzen hat. Es gibt den Agenten Lundgren, der sich einen Sonnenstich einfängt und die falsche Person für seinen Kontaktmann hält. Und da ist eine gewisse Helen Gliese. Na endlich. Ein Name, der etwas bedeuten könnte. Ist das ein Hinweis? Helen Gliese wohnt im Apartment 381d. Tatsächlich gibt es einen Planeten, der Gliese 381d heißt. Ein theoretisch bewohnbarer Planet. Der erste und bisher einzige, der erdähnliche Bedingungen aufweist. Also in echt jetzt. Im Roman scheint es wiederum nur eine Falle gewesen zu sein, dass man annahm, Helen Gliese sei die Rettung. Aber zunächst steht Helen Gliese für Hoffnung. Unter vor Inkompetenz strotzenden Figuren ist sie die Stimme der Vernunft.

Überhaupt Inkompetenz. Auf Schritt und Tritt. Herrndorf erzählt an einer Stelle von einer Party, auf der sich Schriftsteller und Politiker treffen. Diese ausufernden und unter Alkoholeinfluss ins absurde Gelaber abrutschenden Gespräche zwischen Smalltalk, Halbwissen und leerem Schwadronieren sind faszinierend genau wiedergegeben. Das Party-Kapitel endet mit dem Satz: »Bombe rein.«

Was den Roman von einer Komödie wie Burn After Reading unterscheidet, ist der fehlende Slapstick. Was ihn von einer Narrengeschichte unterscheidet, ist eine weitere Figur, die in die Handlung eintritt, ein Namenloser, einer, der sein Gedächtnis verloren hat.

So besteht das Leben nur aus einer Anhäufung von Fehlern

Er kommt wie aus dem Nichts. Aus der Wüste gelaufen in Richtung einer Tankstelle, wo eine deutsche Familie steht und auch Helen Gliese. Die deutsche Familie verriegelt sofort ihren VW und ruft Helen Gliese zu, sie solle sich dem blutverschmierten, offensichtlichen Irren, der gerade aus der Wüste angestapft kommt und eine heftige Kopfverletzung erlitten hat, sie solle sich ihm auf keinen Fall nähern. Helen Gliese nimmt sich trotzdem seiner an.

In diesem Moment kann man nicht anders, als sich – erleichtert – endlich einmal auf die Seite eines Protagonisten zu schlagen. Mit dem Namenlosen taucht eine Identifikationsfigur auf. Die man versteht, weil die Figur selbst nichts versteht. Und das ist ja auch die Rolle, die man als Leser selbst schon von Anfang an hatte. Denn von seliger Unschuld ist derjenige, der nichts versteht und alles vergessen hat. Mitleid wird dem Namenlosen zuteil, einerseits. Andererseits weiß der Leser nicht, wer er ist und ob die Figur einhält, was sie an Unschuld verspricht. Wüsste man, wer er ist, könnte es nur eine Narrengeschichte sein, wäre die Figur dem umfassenden Urteil des Lesers ausgeliefert. Herrndorf spielt mit unserem Leseverhalten. In dem Moment, in dem der Leser glaubt, alle nötigen Informationen über eine Figur bekommen zu haben, setzt er automatisch zum Urteil an. Der Vergessliche entzieht sich dieser automatischen Wertung. Und das ist ja eigentlich der Normalzustand – dass man nie alles weiß, nie urteilsfähig ist.

Auch für die eigentliche Tat, den Amoklauf, gibt es kein Motiv, das alles mit Bedeutung aufladen könnte. Bis zum Schluss nicht. Es ist ein völlig sinnloses Verbrechen, das den Leser in eine Wüste der Sinnlosigkeit zieht. Als wollte uns Herrndorf sagen: Vergesst die Hoffnung, die Menschen zu verstehen, sie sind immer gleich blöd. Zunächst versucht der Namenlose, sein Problem selbst zu lösen. Er glaubt, wenn er das findet, wonach alle suchen, werde es auch seine Identität erklären. Die Folge ist, dass man ihn für einen Spion hält. Er wird verfolgt und gefoltert.

Alles, was er vor seiner Gefangenschaft tut, geht schief, obwohl sich nicht genau sagen lässt, ob er selbst einen Fehler gemacht hat. Eher sind es die Zufälle, die alles kompliziert machen. Sie sind es, die dafür sorgen, dass ihm der Mikrofilm in die Hände fällt und im Moment des Fast-Erlöstseins wieder verloren geht.

In dem Augenblick, als er sich durch einen Asterix-Obelix-mäßigen zweiten Schlag auf den Hinterkopf wieder an seinen Namen erinnert, kommen mit seinem Namen auch alle charakterlichen Eigenschaften zurück. Und das sind nicht die ritterlichsten. Die Erfahrung der Amnesie brachte keinerlei Erkenntnis oder Veränderung. Der Namenlose ist kein Held und auch kein Antiheld.

Tatsächlich ist es so: Gerade die Tatsache, dass sich der Leser lange ratlos durch dieses rätselhafte Geschehen bewegt, bringt das eigentliche Lesevergnügen. Denn der Roman wird so zur Spielwiese. Eine Spielwiese, in der es sich lohnt, nach Spuren und Andeutungen zu suchen: Man blättert zurück, nimmt Details unter die Lupe, weil man doch bei der Aufklärung des Verbrechens mit von der Partie sein will. Und da stößt man auf das Motiv des Elixiers.

Das Elixier, das Herrndorf bereits in Tschick untergebracht hat, gewissermaßen als das, was dem Helden in die Hand gegeben wird, was er suchen soll. Das Elixier erzähltechnisch als Motivation, damit der Held überhaupt zu seiner Reise aufbricht. In Tschick wird das Elixier von dem Alten mit der Flinte den beiden Teenagern aufgedrängt, die es aber schließlich aus dem Fenster schmeißen.

Auch in Sand geht das Elixier verloren (an die Slum-Kinder) und bringt, gerade weil der Held danach sucht, nur Schwierigkeiten. Obwohl das Elixier, oder sagen wir: das gesuchte Ding, den Helden glücklicher machen soll, führt es bei Herrndorf irgendwie zu immer größerem Unglück. Als wollte er sagen: Wenn du Optimist bist und an die Glückserfüllung durch ein Elixier glaubst, bist du verloren. Das hat schon Victor Hugos Quasimodo ins Unglück gestürzt, als er ernsthaft glaubte, die schöne Zigeunerin zu bekommen und durch sie Erlösung zu erfahren. So besteht das Leben nur aus einer Anhäufung von Fehlern.

Sand ist ein literarisches Experiment an der Grenze zwischen Existenzialismus und Spionagethriller, mutig in der Form, barock in der Sprache. Nichts Anschmiegsames. Kein Scherz. Eine Hoffnung. Die Hoffnung liegt darin, dass hier ein Schriftsteller schreibt, der das diffuse Gefühl, das wir alle kennen, nämlich von einer allumfassenden Dummheit umgeben zu sein, versteht. Es ist ein sehr eigenartiges und gerade deshalb so lesenswertes Buch.