Nun steht sie dort einsam auf ihrem Sockel, spindeldürr, nackt und ohne Arme, und muss tagein, tagaus diesen Mann betrachten. Einen Mann, der ebenfalls nackt ist und dem sie ein Bein abgenommen haben und der mit seinen Krücken über einen Strand humpelt. Es ist die Konfrontation zweier Krüppel, Skulptur trifft auf Gemälde. Und es ist die Konfrontation zweier Weltsysteme: Der Schweizer Weltkünstler Alberto Giacometti prallt auf den DDR-Apparatschik Willi Sitte.

Wozu das gut sein soll?

Schon einmal hat die Neue Nationalgalerie in Berlin das scheinbar Unvereinbare vereint. Hier, im zentralen deutschen Schauhaus für die Kunst des 20. Jahrhunderts, wurden 1993 westliches und östliches Kunstschaffen zusammengespannt – und das Museum schien fast zu bersten vor Wut und Ärger. Vor allem das Westberliner Establishment war entsetzt: Brachialer Funktionärskitsch! Alles Agitprop! Manche hätten die 40 Jahre DDR gern auf ewig in die Dunkelhaft der Depots verbannt.

Tatsächlich waren nach dem kurzen Gastspiel viele Werke lange nicht zu sehen, die Geschichte schien über Tübke, Heisig, Mattheuer & Co. hinwegzurollen. Fast konnte man meinen, die Kuratoren des Museums schämten sich für die Besonderheit ihrer Sammlung, zusammengewürfelt aus dem, was die Nationalgalerie Ost und ihre Konkurrentin, die Nationalgalerie West, in den Jahren der Teilung angesammelt hatten. Erst jetzt, unter der Leitung von Udo Kittelmann, verfliegt die falsche Scham. Kittelmann reizen die Gegensätze, er liebt die spielerische, assoziationsreiche Inszenierung – und hängt schon deshalb den großen Picasso neben den eher unbekannten DDR-Maler Harald Metzkes, weil er wissen möchte, was am Ende stärker sein wird: der Anziehungs- oder der Abstoßungseffekt.

Vor fast zwei Jahren hatte Kittelmann die Sammlung der Nationalgalerie schon einmal kräftig aufgemischt , damals gelang es ihm, einen ebenso umsichtigen wie ungewohnten Blick auf die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werfen (ZEIT Nr. 11/10). Nun haben er und sein Kollege Joachim Jäger die eigenen Bestände aus den Nachkriegsjahren von 1945 bis 1968 gesichtet – und abermals soll die Kunstgeschichte umgedeutet werden. Der geteilte Himmel heißt ihre Ausstellung , nach dem Roman von Christa Wolf. Doch zu besichtigen ist ein großes Miteinander.

Selbst im ersten Saal, in dem es erst so aussieht, als sollte die Abstraktion West gegen die Figuration Ost antreten, verflüchtigen sich die Gegensätze bei näherer Betrachtung. So stellt der Maler Werner Heldt in seiner Frühlingsszene neben sprießende Birken ein kantiges, schwarzes Ding, das gerade vom Himmel gestürzt sein muss – eine minimalistische Unerklärlichkeit. Und ähnlich begreifen sich viele Künstler, die hier gezeigt werden, nicht als Parteisoldaten eines Stilprinzips, sondern vermischen die Dogmen, wie es ihnen gerade richtig scheint.

Damit soll nicht geleugnet werden, dass es rigide Kunstregeln gab und die DDR ihre Künstler auf den Sozialistischen Realismus einschwor. Umgekehrt waren im Westen jene Maler rasch verschrien, die nicht dem Prinzip der Abstraktion huldigten. Selbst ein Georg Baselitz, der 1957 von Berlin Ost nach Berlin West gewechselt war, galt manchen als Reaktionär, weil er gerne Menschen malte und keine bunten Kringel. Mit der Kunstfreiheit war es nicht weit her, hüben wie drüben.

Wohl auch deshalb schert sich die Nationalgalerie nicht länger um die alten Frontverläufe. Weder die Künstler noch die Kunstwerke will sie haftbar machen für die Engstirnigkeit der Ideologen. Und so sieht sich Willi Sitte, obwohl er als DDR-Funktionär viele freiheitlich gesinnte Künstler unterdrückte, friedlich vereint mit den berühmten Westkollegen Giacometti, Francis Bacon und Henry Moore. Sie alle beschäftigen sich mit der Conditio humana, sagen die Kuratoren. Und warum also sollten die Amputierten dieser Welt nicht zusammengehören?